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Dellé Produzent Guido Craveiro im Interview

Der Name Guido Craveiro dürfte in der deutschen Produzentenszene spätestens seit der neuen Solo-Scheibe von Seeed-Sänger Dellé ein mehr als anerkennendes Nicken hervorrufen, denn das Album stieg jüngst auf Platz 11 der deutschen Albumcharts ein. Guido, seines Zeichens auch musikalischer Leiter in Dellés Liveband, ist alles andere als ein unbeschriebenes Blatt und arbeitete schon mit vielen Größen der Musikszene zusammen. Die Liste reicht von Moloko und De La Soul bis hin zu Chaka Khan, Ricky Martin oder auch Bootsy Collins. Grund genug für uns, dem überzeugten Steinberg-Fan ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

Guido Craveiro

Hallo Guido! Danke, dass Du Dir Zeit für ein Interview nimmst! Erstmal herzliche Glückwünsche zum Charterfolg mit Dellé. Welches Projekt unterbrichst Du gerade für die Beantwortung dieser Fragen?
Ich sitze tatsächlich noch an Dellés zweiter Single „Power of Love”, voraussichtlich wird es nämlich exklusiv noch eine weitere Version eines anderen Albumtitels auf der Single geben. Zeitgleich stecke ich mitten in den Vorbereitungen zur Tour von Dellé, denn live habe ich die Aufgabe des Keyboarders und des Musical Directors übernommen. Ich nehme viele Sounds der Dellé-Produktion mit auf die Bühne und das bedarf einiger Organisation und Programmier-Arbeit in Cubase, welches ich natürlich live als Sequenzer einsetze. Des Weiteren produziere ich gerade das Debut Album eines Reggae Künstlers aus Teneriffa, Dactah Chando. Eine Mischung aus Reggae und Dancehall mit sehr kräftigen Beats, das Ganze auf spanisch.

Da draußen träumen unzählige Musikverrückte davon, Produzent zu werden. Erzähl mal kurz etwas zu Deinem Werdegang. Bist du theoretisch geschult worden oder Autodidakt? Wann hast Du Dich dazu entschlossen, im Musikbereich Dein Geld zu verdienen?
Ich hatte zirka 22 Jahre lang Klavierunterricht,  fünf Jahre Schlagzeug und drei Jahre Saxophon, mit dem Ziel eines Piano-Jazz-Studiums. Ab meinem 16. Lebensjahr experimentierte ich dann mit meinem Atari 1040 St und Cubase Score. Schnell fand ich heraus, dass ich mehrere Instrumente und diverse Sounds verbinden bzw. produzieren wollte. Innerhalb von drei Jahren und drei verschiedenen Praktika in Tonstudios mit den Schwerpunkten Schlager, Live Recording von Rockbands und Jingles, hatte ich die Möglichkeit in all diese Produktionsarten hinein zu schnuppern und konnte mir so das Beste aus allen herauspicken. Das letzte Praktikum in der TV Musik in Köln hat lediglich 2 Monate gedauert, anschließend wurde ich vom damaligen Studiobesitzer Attila Ciftci als Komponist und Produzent fest angestellt! Im Oktober 2000 hat Attila seine Karriere an den Nagel gehängt und ist Pilot geworden. Ich habe im Gegenzug das Studio als Geschäftsführer übernommen und mich dann auf die Musikproduktion konzentriert. 2002 kamen dann die ersten Charterfolge mit Moloko, Bootsy Collins und Sonique.

Was ist Dein ursprünglicher musikalischer Background? Aus welchem Genre kommst Du und auf welche Musik fähst Du heutzutage ab?
Bis zu meinem 18 Lebensjahr habe ich fast nur Jazz gehört und gespielt. Chick Corea, Herbie Hancock, Michael Brecker, Miles Davis und John Scofield. Als ich dann anfing, selbst zu produzieren, hörte ich hauptsächlich Michael Jackson, Bob Marley, Quincy Jones und Kraftwerk. Meine momentanen Lieblingsbands oder Projekte sind John Mayer, Fat Freddys Drop und Peter Fox.

Gibt es Musiker bzw. Produzenten, die Deine Arbeitsweise entscheidend geprägt oder beeinflusst haben?
Ja, die gibt es! Am meisten haben mich sicherlich Trevor Horn, Quincy Jones, Michael Jackson, Damian Marley, Bob Marley und Seeed beeinflusst.

Gerade ist das Soloalbum von Dellé erschienen, das von Dir produziert wurde und nun auch ordentlich in den Charts abräumt. Erzähle uns mal ein wenig über die Produktion.
Die Zusammenarbeit zwischen Frank und mir verlief einfach traumhaft und unglaublich effektiv. Tagsüber arbeitete ich an einem Song und schickte diesen abends per E-mail an Frank. Bereits am nächsten Morgen fand ich den dann mit fertigen und absolut akuraten Vocals in meinem Postfach. Von Oktober bis Dezember 2008 schrieben wir alle Songs und nahmen die Demos dazu auf. Von Januar bis August 2009 habe ich dann alles fertig produziert. Es war recht aufwendig, da wir beide als absolute Perfektionisten keinerlei Kompromisse eingehen wollten. Ich experimentierte sehr viel mit Sounds und nahm mir lange Zeit für die Aufnahme der Instrumente, so dass es nun eben nicht nach einer stinknormalen jamaikanischen Reggae Produktion klingt. Wir wollten den erdigen Roots Sound der 70er Jahre (Studio One, Sly & Robbie). Trockene, pumpende Drums, sowie tiefe Bässe und knackige Off-Gitarren mit Wah Wah, gemischt mit Synthis, kaputtem Drumprogramming und Mut zu Sounds die beim Reggae nicht Gang und Gebe sind. Bei der Nummer „Fly Away” haben wir zum Beispiel marschierende Soldaten unter die fetten Trommeln gemischt damit sich eine Art Reverse Sound ergibt, der sich sehr kräftig und ungewohnt unter den Reggae Standard mischt und sogar durchsetzt. Durch diese Soundtüfteleien kamen dann tatsächlich auch schon mal 190 Audiospuren und an die 70 Midispuren zusammen (lacht).

Du hast schon angedeutet, dass Cubase Euch auf der Bühne begleitet. Welchen Anteil hatten Steinberg-Produkte an der Dellé-Produktion und was war die größte Herausforderung?
Das komplette Album wurde auf Cubase 4 produziert und auch teilweise gemischt, zusätzlich benutze ich noch ein analoges Pult, auf das ich die Cubase Ausgänge route. Ständig im Einsatz waren mindestens ein HALion 3, mehrere HALion ONE, sowie Delays und der Studio EQ. Auf der Hihat verwendete ich hin und wieder auch DaTube, was zu einem etwas „dreckigeren” Sound führte, denn das Direktsignal der Schoeps-Mikrofone war manchmal einfach zu schön. Die größte Herausforderung war der Song „Power Of Love”, im Original von Franky Goes To Hollywood. Meine ersten Mixe waren fett und hatten einen tierischen Druck, doch nach mehrmaligem Hören der Nummer fiel uns auf, dass wir die Melancholie und die Ruhe des Songs außer Acht gelassen hatten. In Folge dessen probierte ich in den darauf folgenden drei Wochen so ziemlich alles aus und tauschte unter anderem die Basslinie und Teile der Drums. Nachdem ich dann noch einen smoothen Rhodes eingespielt hatte, sprang die Melancholie direkt durchs Ohr in das Gefühlszentrum des Gehirns. Ich saß gut einen Monat lang an diesem Track, aber wir sind der Meinung, dass es sich sehr gelohnt hat.

Wann, von wem und wie hast Du das erste mal von Cubase gehört und welche Funktionen und Plugins gefallen Dir am besten?
Zusammen mit meinem ersten Atari 1040 habe ich mir Cubase Score gekauft. Das müsste etwa 1990 gewesen sein, ich gehöre also zur alten Garde. Da ich immer schon treuer Cubase User war und bin, kann ich ziemlich schnell mit diesem Programm umgehen. Ich liebe die Oberfläche und den Mixer. Besonders gelungen sind die Timestretch-Funktionen und ansonsten finde ich den Umgang mit den Parts optimal. Ziehen und faden, ohne viele Extra-Klicks spart unglaublich viel Zeit. Einen riesigen Fortschritt haben auch die Effekte und die Instrumente gemacht, der neue Reverence Faltungshall in Cubase 5 klingt wirklich gut. Außerdem benutze ich ständig das Delay, den Studio EQ, den Phaser, den Compressor, Halion 3 und Magneto.

Beeinflussen die Möglichkeiten von modernen Sequenzer-Programmen Deinen Schaffensprozess?
Ich versuche zwar, meine Ursprungsidee bei einem Song beizubehalten, ohne mich von der Technik beeinflussen zu lassen, jedoch funktioniert dies natürlich nicht immer. Es ist toll, dass man auf die modernen Möglichkeiten zugreifen kann, auch wenn man sich manchmal auf der Suche nach der optimalen Bassdrum stundenlag verfängt. Wichtig ist nur, dabei den Faden nicht zu verlieren.

Was würdest Du an Cubase gerne verbessert sehen? Gibt es einen ultimativen Featurewunsch?
Ja, es wäre toll einen Effekt als Aux in dem gleichen Return benutzen zu können, so dass man ein Feedback mit diesem Effekt erzeugen kann. Das wäre für mich und für alle die Reggae oder Dub machen ein absolut tolles Feature!

Das Studio von Guido Craveiro:

Mitec Jocker Mixer, 32 Inputs Inline
Genelec 1031
Yamaha Ns 10
Cubase 5
Uad Karte
Motu Soundkarte
Urei 1178 Röhrenkompressor
Instrumente: diverse Keys (welche nicht mehr so oft eingesetzt werden), Moog The Source aus den 70ern, Moog Little Phatty, Mikros von Neumann und Schoeps, ein Klavier, ein Rhodes, diverse Gitarren und Bässe, diverse Melodikas, Tischtennisplatte und Kicker!