“Die Schatzinsel” Orchesterscore mit Cubase und Nuendo – Interview mit Filmkomponist Karim Sebastian Elias
Die Neuverfilmung des weltbekannten Abenteuerromans „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson ist mit fast 8 Millionen Euro die teuerste ProSieben Produktion aller Zeiten. Ähnlich bombastisch ist auch die Filmmusik des Zweiteilers, die mit dem Brandenburgischen Staatsorchester aufwendig eingespielt und aufgenommen wurde. Komponiert und produziert wurde der Soundtrack von Karim Sebastian Elias, der sich in den letzten Jahren nicht zuletzt mit seinen großartigen Orchesterscores einen festen Platz in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft erobern konnte. Nicht weniger als 5 Kinofilme, 23 Spielfilme, über 190 Folgen Serie und 200 Folgen Daily Soap stehen auf seiner Credits-Liste, darunter zahlreiche Tatort-Folgen sowie der mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Dokumentarfilm "Rhythm Is It!". 2004 wurde Karim Sebastian Elias vom SWR und MFG mit dem "Rolf-Hans Müller Preis für Filmmusik" ausgezeichnet
Wie bist du dazu gekommen, professionell Musik zu machen?
Ich hab mich bereits während der Schulzeit intensiv mit Musik beschäftigt und hatte Musik Leistungskurs. Mir war zu dem Zeitpunkt schon klar, dass ich beruflich Musik machen möchte. Direkt nach dem Abitur habe ich dann Musik an der Folkwang-Hochschule in Essen studiert. Nach sechs Jahren Studium und zwei Diplom-Abschlüssen hatte ich dann das Glück, eigenverantwortlich für eine TV-Serie komponieren zu dürfen. Da das Studium an der Folkwang sehr interdisziplinär angelegt war, hatte ich neben Instrumentalunterricht, Tonsatz-, Arrangement- und Kompositionskursen ebenso die Möglichkeit, an gemeinsamen Projekten mit der Musical-, Schauspiel- und Tanzabteilung teilzunehmen. Auch meine „Kompositionsversuche“ konnte ich in verschiedenen Ensembles probieren. Die Diplom-Note setze sich damals aus einem Diplom-Konzert und einer eigenen Produktion zusammen, die man selber komponiert, arrangiert und produziert haben musste. Das war eigentlich schon genau das, was ich heute auch noch mache. Ich habe auf jeden Fall viel wichtiges Handwerkszeug durch die Ausbildung gelernt. Ein gutes Beispiel dafür ist „Rhythm Is It“, ein Dokumentarkinofilm über die Education–Arbeit der Berliner Philharmoniker. Hier habe ich sowohl die Musik für das Symphonieorchester komponiert und aufgenommen als auch einen Rap produziert. Das ist ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit von Filmmusik. Es gibt Filme, da arbeite ich viel mit Sounddesign, Gitarren und Atmosphären und dann gibt es Filme, bei denen ich ganz klassisch mit Orchester arbeite, ohne eine einzige elektronische Note.
Würdest du sagen, dass du trotz der völlig verschiedenen Projekte einen persönlichen Stil hast? Hast du eine spezielle musikalische Vorliebe oder eine bevorzugte Arbeitsweise?
Ich arbeite seit 8 Jahren immer projektbezogen. Natürlich habe ich immer eine bestimmte Vorgehensweise hinsichtlich der Dramaturgie und eine starke Assoziation zu Komponisten wie Korngold, Tschaikowski, Mahler, Waxman, Steiner oder auch Klaus Badelt und Hans Zimmer - das sind für mich schon Helden.
Ich habe sicherlich eine Vorliebe für klassische symphonische Musik, trotzdem arbeite ich auch gerne nur mit elektronischen Elementen oder Band. Mit allen möglichen PlugIns und VST-Instrumenten elektronisch klingende Action-Musik zu machen oder eine subtile unterschwellige Atmosphäre zu kreieren, macht mir auch sehr viel Spaß. Für viele Projekte, z.B. Tatort habe ich ausschließlich elektronisch gearbeitet. Mein Herzblut liegt aber doch etwas mehr auf der Orchesterseite.
Wie ist dein Vorgehen bei der Komposition? Wie fängst du an, wenn du ein neues Filmprojekt bekommst?
Wenn ich einen Film zum ersten Mal sehe, ist das für mich immer ein sehr wichtiger Moment. Ich bekomme ihn manchmal im Rohschnitt, manchmal im Feinschnitt zu sehen. Die Bücher bekomme ich auch vorher. Ich versuche mich dann erstmal in den Film reinzufühlen. Was erzählt mir der Film? Wo liegen die dramaturgischen Schwerpunkte? Wer ist die Hauptfigur, dessen Geschichte erzählt wird? Davon ausgehend überlege ich mir dann, welche Musik thematisch dazu passt. Der erste Moment ist immer ein sehr naiver, ich fang an, am Klavier zu spielen und versuche die Stimmung des Films musikalisch einzufangen. Oft nehme ich mir zunächst Schlüsselszenen vor und schreibe das Hauptthema. Ich arbeite sehr stark Leitmotiv-technisch. Das kann ein größeres Thema sein über 8 Takte oder 16 Takte, aber es kann manchmal auch nur ein kleines Motiv sein. Wenn du dir die Filmmusikgeschichte anguckst, dann war Bernard Herrmann, der die Hitchcock-Filme gemacht hat, einer der ersten, der diese langen Thematiken wie man sie von Waxman oder Steiner kennt, aufgebrochen hat und mit kleinen, kurzen Motiven komponierte. Gerade wenn ich an einem Thriller arbeite, mit Spannungsmusik also, ist das viel eher meine Herangehensweise. Ich nehme ein Motiv, das ganz schnell kommt und geht und das ich durch alle möglichen Tonarten jage. Wenn ich aber ein Drama-Thema habe, arbeite ich viel mehr mit großen Bögen. Die Sache mit dem Thema ist aber immer der Knackpunkt. Das hat bei mir nie etwas mit Musiktheorie oder so zu tun, ich versuche da so offen und naiv wie möglich ranzugehen, eine rein emotionale Sache.
Was war für dich die besondere Herausforderung bei dem Score der Schatzinsel?
Einen Score für einen Abenteuerfilm schreiben zu dürfen habe ich als Riesengeschenk empfunden. Und die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Hansjörg Thurn und Ivo-Alexander Beck, dem Produzenten war einfach super. Hansjörg hat mich immer wieder dazu ermutigt, neue Wege zu gehen.
Eine große Herausforderung war es sicherlich, die Themen zu entwickeln. Ich weiß noch genau, wann mir das Hauptthema eingefallen ist: Das war so irgendwann zwischen 5:30 Uhr und 7 Uhr im Morgengrauen nach ca. 16 Stunden Arbeit. Es war eine traumhafte Morgendämmerung, der Filmszene ähnlich - da ist es mir dann eingefallen. So viele Themen habe ich wahrscheinlich noch nie geschrieben bis ich dann „das Thema“ gefunden hatte. Ich habe es „Was Freiheit sein kann“ genannt - ein Zitat von „Long John Silver“.
In dem Film sind die Piraten nicht „Die Bösen“ sondern einfach Menschen, die ein freies, selbst bestimmtes Leben führen wollten. Ich habe mich immer wieder mit Hansjörg über die Idee des Films unterhalten. Wir haben erst einmal nicht über Stilistiken, sondern über Haltungen gesprochen. Der„Freiheits-Gedanke“ wurde unsere Leitlinie für den ganzen Score.
Du arbeitest sowohl mit Cubase und Nuendo. Wie sieht dein Setup genau aus?
Mein Studio besteht aus mehreren Rechnern. Im Zentrum meines Workflows steht ein Nuendo PC, in den ich alle Signale reinführe und auf dem ich mische. Zum Komponieren und Noten ausdrucken benutze ich einen Quad Core Mac mit Cubase. Dazu habe ich noch mehrere Cubase Systeme auf denen VST-Instrumente laufen, wie etwa virtuelle Orchester-Libraries, die ich dann in den Nuendo-Rechner spiele. Manchmal mische ich aber schon auf den Cubase Rechnern vor und komprimiere beispielsweise was, so dass ich auch ein sauberes Signal in meinen Hauptrechner reinbekomme. Dann hab ich noch ein Cubase, wo mein Film drauf läuft. Dafür habe ich einen eigenen Rechner, weil ich ein sehr großes Setup habe, mit teilweise 600-700 Spuren. Das meiste davon sind MIDI-Spuren, weil ich die verschiedenen Spielarten der verschiedenen Orchesterinstrumente direkt griffbereit haben möchte. Hinzu kommen jede Menge Effektspuren für Sounddesign, virtuelle Instrumente, Samplerspuren zum Simulieren von Naturinstrumenten und natürlich Audiospuren von Recordings. Da kommt manchmal ziemlich viel zusammen und da ich oft wenig Zeit habe, ist es wichtig, dass ich alles sofort zur Verfügung habe und nicht erst von einem System auf ein anderes transferieren muss.
Viele deiner Scores basieren auf echten Orchesteraufnahmen. Für die Schatzinsel hast du wieder mit dem Brandenburgischen Staatsorchester zusammengearbeitet, wie auch schon bei dem Fernsehfilm „Spur der Hoffnung“ aus dem letzten Jahr. Wie läuft so eine Produktion ab?
Um die Themen zu entwickeln, sitze ich oftmals mit Notenpapier am Klavier. Sobald ich die Themen aber ausarbeite, komponiere ich in Cubase weiter. Das Orchesterarrangement und die Orchestration mache ich auch mit Cubase - mit dem Noteneditor kann ich mir dann immer ganz einfach Particells oder auch Partituren ausdrucken. Da die Zeit meistens knapp bemessen ist, mache ich in der Regel zunächst Mock-Ups mit virtuellen Orchester-Libraries, die schon sehr nahe an die spätere Orchesterproduktion rankommen, inklusive Details wie unterschiedliche Spielweisen der Instrumente. So kann ich die musikalischen Entwürfe schon im Vorfeld mit dem Regisseur absprechen.
Früher gab es auch nach oder während einer Orchesteraufnahme fast immer noch Änderungen, was sehr viel Zeit und Geld gekostet hat. Man muss sich vor Augen halten, dass bis dahin Regisseur und Produzent die Musik nur vom Klavierauszug her kannten. Heute, denke ich, wird sicherlich fast überall mit Mock-Ups gearbeitet, so dass bereits vor den teuren Aufnahmesessions klar ist, wie die Musik später klingen wird.
Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wie toll es klingt, wenn reale Musiker spielen. Wenn ein echtes Orchester, also je nach Größe 40-80 Menschen, die Kompositionen spielen, erzeugt das eine Emotionalität, die auch mit den besten Samples nicht nachzuahmen ist. Natürlich ist es aber aus Geldgründen bei vielen Produktionen nicht drin, ein echtes Orchester aufzunehmen und da sind dann die virtuellen Orchesterlibraries ein gute Alternative.
Kannst du ein bisschen was über die Produktion des Schatzinsel-Scores erzählen?
Das war mit Abstand die zeitlich knapp kalkulierteste Produktion, die ich bisher gemacht hatte. Es war zwar schon ca. vier bis fünf Monate vor Abgabe klar, dass ich den Zweiteiler machen würde, aber ich war zum einen vorher noch mit zwei anderen TV-Movies beschäftigt, und zum anderen hatte ich für die „Final Cut“-Version jeweils nur knappe vier Wochen. Das klingt erst einmal gar nicht so schlecht, aber letztendlich musste ich, abgesehen von der thematischen Vorarbeit, in ca. acht Wochen 165 Minuten Orchestermusik komponieren, orchestrieren und aufnehmen - ich hab in der Zeit kaum geschlafen. Erschwerend kam noch hinzu, dass die Musik für den ersten und den zweiten Teil sehr unterschiedlich ist. Gleiche Motive und Themen tauchen zwar in beiden Teilen auf, aber in völlig unterschiedlichen Arrangements. Im ersten Teil ist der Score lyrischer angelegt - der zweite Teil hingegen geht sehr stark auf Suspense. Das alles hat nur geklappt, weil ich ein tolles und eingespieltes Team hatte: allen voran Thorsten Weigelt, mein Tonmischmeister und Aufnahmeleiter, und Gernot Schulz, meinen Dirigenten, mit denen ich schon mehre Orchesterproduktionen gemacht habe.
Das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt, mit dem ich auch schon mehrfach gearbeitet habe, hat sehr gut und hochkonzentriert eingespielt - ein wunderbares Orchester. Dadurch, dass wir immer wieder zusammen aufnehmen, habe ich beim Komponieren oft schon die Orchestermusiker vor Augen - ein schönes Gefühl. Manchmal war es so knapp, dass während das Orchester gespielt hat, noch die Einzelstimmen per PDF gemailt wurden, die die Musiker dann von Frank Pielenz, dem Notenwart, kopierwarm aufs Pult bekamen. Wir haben einen Soundtrack veröffentlicht - Wer mag kann ja mal in die CD reinhören.
Wieso sind Cubase und Nuendo ideale Programme für dich?
Ich habe vorher mit einem anderen Programm gearbeitet und bin dann umgestiegen. Das ganze Handling ist wirklich sehr durchdacht und viele Dinge gehen für mich jetzt einfach viel schneller. Die Benutzeroberfläche ist sehr übersichtlich und ich habe sofort Zugriff auf alles, was ich brauche. Außerdem klingt die Cubase/Nuendo Engine einfach unglaublich. Ich bin echt kein Typ, der das Studio ausmisst, kein Toningenieur oder so was, aber ich habe Nuendo und Cubase gehört und dachte sofort „Wow, der Sound ist echt gut“. Mit meiner anderen Software gab es auch oft Probleme bei der Einbindung von VST-Instrumenten. Bei Cubase und Nuendo geht das immer reibungslos, man merkt hier einfach, dass Steinberg auch Entwickler der VST-Schnittstelle ist.
Welche Features sind für deine tägliche Arbeit am wichtigsten?
Besonders wichtig ist für mich natürlich zunächst einmal der gesamte MIDI-Bereich. Der Key Editor und der Noteneditor sind sehr übersichtlich und ich hab gerne auch beide parallel auf, um beispielsweise im Key Editor Notenlängen oder Controller-Daten zu editieren und gleichzeitig immer die Partitur im Blick zu haben. Aber da ich nicht nur komponiere, sondern meine Sachen auch mische, ist natürlich auch der gesamte Audiobereich sehr wichtig für mich. Ganz großartig finde ich beispielsweise den Fade-Editor von Nuendo. Wir haben die Orchesteraufnahmen für die Schatzinsel in Nuendo geschnitten und gemischt. Das waren weit über 100 Spuren und entsprechend viele Schnitte. Dabei hat mir der Fade-Editor sehr geholfen. Ein großartiges Feature ist auch die MediaBay. Ich habe so viele Filmmusiken gemacht und daher ein riesiges Archiv von Audiodateien. Die Suchfunktion ist wirklich klasse, wenn man schnell eine Datei finden will. Ein Segen ist auch die Spur-Preset Funktion, die in der Version 4 dazukam - gerade, weil ich mit so vielen Spuren arbeite, machen mir die Vorlagen das Leben wirklich leichter.
Was stehen bei dir in nächster Zeit für Projekte an?
„U-900“, ein Kinofilm bei dem Sven Unterwaldt Regie führt. Und wenn es zeitlich funktioniert danach dann „Gerdas Schweigen“, ein Kino-Dokumentarfilm, bei dem Britta Wauer Regie führt.
Vielen Dank für das interessante Interview, Karim!
Vielen Dank an alle bei Euch, die ständig die Programme weiterentwickeln und nach vorne bringen! Ich bin „richtig glücklich“ mit Cubase und Nuendo – wenn man jeden Tag mit so einer Software arbeitet, baut man ja „eine richtige Beziehung“ zu ihr auf.








