Die akademische Sicht: Christoph Hempel
„Die Kombination der Medien macht den Computer einmalig“
Professor Christoph Hempel lehrt seit 1982 Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Zu seinen Spezialgebieten zählen die Popularmusik sowie der Bereich Musik und Computer. Im Gespräch zeigt der Musikpädagoge die Vorzüge multimedialer Computertechnik gegenüber herkömmlichen Mitteln auf - und appelliert für ein „Best of both Worlds“ im Musikunterricht.
Professor Hempel, über den Musikunterricht an deutschen Schulen wird häufig gesagt, er sei altmodisch. Sollte man stärker auf aktuelle, computergestützte Musikstile eingehen?
Obwohl man hier mit Verallgemeinerungen vorsichtig sein sollte: Ein großer prozentualer Bestandteil des Unterrichts ist immer noch Musik, welche die Jugendlichen selten oder gar nicht hören. Das ist ein Problem, welches die Musikpädagogik allgemein umtreibt. Natürlich ist es richtig, dass wir nicht an den musikalischen Vorlieben der Schüler vorbeigehen sollten. Auf der anderen Seite blicken wir auf einige hundert Jahre europäischer Musiktradition zurück. Auch im Deutschunterricht lesen wir ja nach wie vor Rilke, Brecht, Walther von der Vogelweide. Dies alles zugunsten von Zeittrends über Bord zu werfen, ist sehr gefährlich. Ich denke, eine wohl ausgewogene Mischung ist da das Richtige.
Dasselbe gilt im Übrigen auch dann, wenn Computer und Software im Klassenzimmer eingesetzt werden. Das Ziel kann eine Poproduktion sein - muss es aber nicht. Auch für den Bereich der klassischen Musik bieten die elektronischen Hilfsmittel wunderbare Anwendungsmöglichkeiten, etwa für die Analyse und die Harmonielehre.

- Christoph Hempel präsentiert an der Gesamtschule Horn
Diese Unterrichtsmethoden setzen ja zumeist das Erlernen der Notenschrift voraus. Für manche Schüler ist das eine große Hürde …
Sicher. Notenschrift ist eine hoch artifizielle Verschlüsselung der musikalischen Information. Das Notenbild eröffnet viele Einblicke, die man auf anderen Wegen nicht gewinnen kann. Aber es ist nicht das Non-Plus-Ultra für den Musikunterricht.
Es gibt bestimmte Altersstufen, die zum Lernen ideal sind: Ein Kind lernt zwischen fünf und sieben Jahren lesen. In dieser Zeit fällt auch das Notenlernen ganz leicht, später wird es dann mühsamer. Wenn etwa in einer höherstufigen Klasse nur wenige Schüler Noten lesen können, kann es ratsam sein, ganz auf die Notenschrift zu verzichten. Es gibt heute andere Möglichkeiten, affektiv und gestaltend mit Musik umzugehen. Computer und Software sind hier das beste Beispiel.
Kann man den Musikunterricht mit Hilfe von Computern interessanter gestalten?
Mit der Umschreibung „interessanter gestalten“ würde man allen Musikpädagogen unrecht tun, die ihren Unterricht mit herkömmlichen Mitteln auch sehr interessant gestalten. Mit Qualitätsvergleichen bin ich immer sehr vorsichtig. Aber Kinder sind heute Computerspiele gewöhnt: Ein bisschen Spaß und Ausprobieren muss natürlich auch sein. Musikalische Bausteine hin- und herschieben, neu anordnen … hier liegt ein weiteres wichtiges Anwendungsgebiet für den Computer. Experimentierendes Spielen mit musikalischem Material.

- Teilnehmer üben Rhythmen mit School Band
Computer werden also für verschiedenste Ziele im Musikunterricht eingesetzt. Worin liegt genau die Stärke der neuen Medien?
Software und Hardware sollten da eingesetzt werden, wo die konventionellen Medien - Noten, Tafelbild, Overhead-Projektor, CD-Player, Tape-Recorder, Klavier - an ihre Grenzen stoßen. Es macht keinen Sinn, Radio in schlechter Qualität über das Internet zu hören, wenn eine CD besser geeignet wäre. Allerdings bietet der Computer neue multimediale Möglichkeiten, die mit einer Kombination der bisherigen Mittel nicht zu erreichen sind. Die Kombination der Medien macht den Computer einmalig.
Wird die Bedeutung des Computers weiter zunehmen?
Grundsätzlich ja. In der praktischen Umsetzung sehe ich aber noch einige Probleme. Nicht überall ist die Situation so vorbildlich wie etwa an der Gesamtschule Hamburg-Horn (Steinberg Modellschule, Anm. des Verfassers). Hier gibt es eine Schulleitung, die den Umgang mit Multimedia fördert und die Anschaffung neuer Technik ermöglicht. Auch sorgt ein engagiertes Musikkollegium dafür, dass die technischen Anlagen entsprechend genutzt und gewartet werden. Beides ist nicht in allen Schulen der Fall.
Zudem muss das ganze System genau in dem Moment reibungslos funktionieren, wenn die Schüler im Klassenraum sitzen. Das ist ein kritischer Punkt, ich kenne dies selbst aus meinen Seminaren. Nun ist die Hardware und Software inzwischen sehr viel verlässlicher geworden. Grundsätzlich hat sich auch die Bedienbarkeit verbessert. Die Anforderungen allerdings sind auch größer geworden und die Programme und Geräte werden immer aufwändiger. Wenn mehr geht, ist eben auch leider wieder mehr einzustellen.

- "Die Kombination der Medien macht den Computer einmalig"
In Zukunft lösen Schüler ihre Aufgaben möglicherweise online von zu Hause aus. Bieten neue Unterrichtsformen wie E-Learning auch neue Chancen für die Musikerziehung?
Ein Beispiel: Die Schüler sollen aus vier bis fünf melodischen Pattern Melodien zusammenstellen, um herauszufinden, welche musikalischen „Floskeln“ klassische Komponisten verwenden. Ein solches Würfelspiel kann man wunderbar mit Hilfe des Computers realisieren. Hier würde ich sagen, ist der Computer auch für die Heimarbeit sinnvoll. Im Grunde gilt hier also das gleiche wie im Unterricht: Was mit herkömmlichen Medien möglich ist, sollte mit diesen umgesetzt werden. Wenn man Noten aufschreiben will, funktioniert dies immer noch am Besten auf Notenpapier. Ist aber die Kombination der Medien gefordert, kommen Computer und Internet zum Zug.



