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Granular Symphonies

Interview mit Sound Designer Simon Stockhausen

Simon Stockhausens außergewöhnliche musikalische Karriere begann im Alter von 5 Jahren. Sein facettenreiches und breitgefächertes Werk umfasst die verschiedensten Arten von von Projekten und Stilrichtungen, wie etwa Jazz, Improvisationsprojekte, unzählige Kompositionen für Ensembles und Kammermusikgruppen sowie Arbeiten für führende europäische Theater und Orchester, darunter die Hamburger und Berliner Philharmoniker. 2009 erweiterte er sein musikalisches Leistungsspektrum durch Gründung einer Sound-Design Firma, die Sounds, Patches und Libraries für Software-Synthesizer und PlugIns anbietet.

Simon Stochausen

Du bist ausgebildeter Musiker, erfolgreicher Komponist und bekannter Interpret. Wie bist du zum Sound Design gekommen?

Es gibt da kein Schlüsselerlebnis oder einen konkreten Anlass. Ich habe mit 9 Jahren angefangen, an meinem ersten Minimoog zu schrauben, bald kamen andere Synths dazu, die erste 4-Spur-Maschine etc. Ich habe schon damals ständig nach neuen Sounds gesucht, Dingen, die ich noch nicht gehört hatte. Als die ersten portablen DAT-Recorder aufkamen, beschäftigte ich mich mit dem Sammeln und Verarbeiten von Field-Recordings und deren Integration in meine damals ziemlich neutönerische, schräge Musik. Das war für mich ein Faszinosum.

Insofern habe ich das Komponieren von Musik und das Gestalten von Klängen immer als eine Einheit empfunden. Es gibt da auch heute für mich keine wirkliche Trennung und viele meiner Filmmusiken und auch die orchestralen oder kammermusikalischen Kompositionen aus jüngerer Zeit verbinden Musik und Klang bzw. Geräusch.

Meinen ersten kommerziellen Sound Design Job hatte ich mit 18, damals für eine Kölner Firma für den legendären D-50 von Roland, als Bezahlung bekam ich einen D-50 mit Controller. Erst vor ca. 5 Jahren habe ich mich entschieden, das Sound Design auch als kommerzielles Standbein auszubauen. Erst habe ich für verschiedene Firmen und Online-Bibliotheken produziert bis ich dann meine patchpool-Seite gestartet habe. Das was die beste Entscheidung meins Lebens.

Simon Stockhausen

Wie ist deine Herangehensweise beim Sound Design? Hast du schon feste Vorstellungen von einem finalen Preset oder Sound bevor du anfängst?

Auf jeden Fall, das fängt ja schon beim Sampeln an. Für Granular Symphonies z.B. habe ich für die meisten der Musiker und SängerInnen auch Noten aufgeschrieben, komponierte Phrasen und Texturen, Dinge, die auf Zuruf nicht funktionieren würden.

Ich habe das Komponieren von Musik und das Gestalten von Klängen immer als eine Einheit empfunden

Wenn die Samples dann alle im Kasten sind, bilde ich oft vorher Klangpaare, z.B. wenn das Padshop Pro Preset zwei Layer haben soll. Auch die Art des Einsatzes der granularen Engine und die Filter-Typen und Modulationen habe ich oft schon im Kopf bevor ich anfange, den Sound zu programmieren. Natürlich kommt es auch vor, dass ich dann vom Plan abweiche, weil das Programmieren selbst ja auch ein kompositorischer Vorgang ist, bei dem es zu intuitiven Abweichungen kommen kann.

Das Prinzip der Vorplanung gilt für alle Bänke, die ich mache, bei Granular Symphonies war es aber besonders ausgeprägt, weil ich 250 Presets zu programmieren hatte. Ohne Masterplan für mich nicht zu machen.

Du beschäftigst dich schon länger mit granularer Synthese und den klanglichen Möglichkeiten, die sie für Sound Designer eröffnet. Was fasziniert dich besonders an Granularsynthese?

Richtig eingestiegen in die Granularsynthese bin ich so 2005, als ich den vollständigen Übergang von Hardware zu Software-basierter Produktion vollzogen hatte und angefangen habe, mich mit NI‘s Reaktor zu beschäftigen. Dann wurden die Software immer besser und die Computer immer schneller und ich konnte auch bei Live-Konzerten Instrumente durch Granulatoren jagen und quadrophonisch im ganzen Saal verteilen. So habe ich es auch bei meinen letzten beiden Orchesterstücken gemacht, für die ich die Orchesterklänge live prozessiert habe, zum größeren Teil mittels Granularsynthese.

Das Programmieren selbst ist ja auch ein kompositorischer Vorgang

Als Sampler der ersten Stunde (mein erster Casio Sampler 1987 hatte 1,5 Sekunden Speicherzeit bei 8 Bit Auflösung) war die Entkopplung von Tonhöhe und Zeitachse erst mal eine Erlösung. Im alten AKAI S1000 gab es zwar auch Timestretching, aber das klang ja phänomenal abartig. Das Erzeugen abstrakter Klangwolken, die individuelle Formung einzelner Klangpartikel in ihrer Tonhöhe, Dauer, Form und Zeit-Fluktuation finde ich total faszinierend, man ist da im Mikrokosmos des Klangs angekommen und kann ganz neue, unerhörte, aber dennoch total musikalische Texturen erzeugen.

Neben der additiven und spektralen Resynthese ist die Granularsynthese heute für mich die faszinierendste Syntheseform und mit HALion 5 habt Ihr ja zum Glück in diesem Punkt nochmal kräftig nachgelegt, da man damit nun auch multigesampelte Instrumente granulieren kann. Mein Kompliment an das Entwickler-Team!

Was ist dein Konzept hinter “Granular Symphonies”?

Die Erzeugung einer faszinierenden, organischen Welt granulierter Klänge mit einem Schwerpunkt auf der orchestral-symphonischen Klangwelt (Cello, Violine, Horn), die für ein möglichst breites Spektrum von Musikern und Klangtüftlern nützlich ist.

Die Betonung liegt hier auf organisch, deshalb finden sich auch keinerlei rein elektronisch erzeugte Klänge in dieser Bank. Fast alle Samples (auch die Derivate) wurden ausschließlich mithilfe von Musikinstrumenten, Stimmen oder Naturgeräuschen erzeugt, es gibt nur ganz wenige Maschinen-Sounds, als Kontrast zu diesem akustisch-organischen Kosmos.

Alle Samples für Granular Symphonies wurden von dir exklusiv für das Set aufgenommen. Was ist das Besondere an deinen und generell an Samples, die für Granular Synthese zum Einsatz kommen?

Granulare Synthese granuliert halt auch die ganzen Nebengeräusche und unerwünschten Frequenzen mit, die beim Sampeln akustischer Instrumente und Dinge so auftreten. Das kann interessant sein, kann aber auch total nerven und die Klänge verwaschen, verrauschen und unbrauchbar machen. Deshalb habe ich extremen Wert auf das Säubern und Filtern der Klänge gelegt. Viele Atmer, Seitenkratzer, Stuhlquietscher, Klappengeräusche etc. habe ich nachträglich elimiert, um möglichst saubere Vorlagen für die Granularsynthese zu haben. Manchmal habe ich auch gewisse Frequenzspektren mehr unterdrückt, als ich es z.B. in einer „normalen“ Audiomischung machen würde, um die granularen Klangwolken dann so formen zu können, wie ich es mir vorgestellt habe. Das gilt übrigens auch für Field-Recordings: Ein hübscher Vogelsingsang im tiefen Wald aufgenommen klingt granuliert für mich nur brauchbar, wenn ich vorher den ganzen Wind und die Hintergrundatmo überdurchschnittlich entferne, sonst klingt das alles so phasenverschmiert, metallisch und überelektronisch und der ganze Vogel ist ruiniert.

Man ist da im Mikrokosmos des Klangs angekommen

Die Demos für Granular Symphonies kommen von dir. Kannst Du etwas zu der Entstehung und zum Aufbau (Anzahl der Instanzen...) erzählen?

Dachstudio Regieraum

Die Komposition der Demos ist für mich immer die Belohnung, wenn ich an Klangbibliotheken arbeite. Dann kann ich direkt ausprobieren, wie ein Klang in einem musikalischen Kontext wirkt und was man damit alles machen kann. Oftmals entstehen die Demos aus einer ersten improvisierten Spur, die dann weiter verfeinert, editiert und durch andere Komponenten ergänzt wird, manchmal lasse ich die Impro aber auch komplett so stehen, wie gespielt und verändere gar nichts mehr. Wichtig ist mir, dass ich in den Demos nur Sounds aus der betreffenden Bank benutze und außer Lautstärkeautomation keinerlei Processing einsetze, also keine EQs, Kompressoren, externe Effekte etc.. Da kommt nur ein Limiter auf die Master-Outputs und fertig.

Beim Hauptdemo für Granular Symphonies hatte ich aber schon den Plan, möglichst viele Sounds in möglichst komprimierter Form in ihrer symphonisch-granularen Pracht zu präsentieren. Da sind insgesamt  27 Padshop Pros im Einsatz und das Stück ist eher komponiert, nicht improvisiert. Natürlich spielen hier nicht immer alle 27 Padshops gleichzeitig, das wäre der granulare Overkill gewesen.

Dann gibt es aber auch die eher leisen, verträumteren Demos, wo ich versuche, möglichst wenig Information zu komponieren bzw. zu spielen, damit man mal in die einzelnen Klänge und ihre Schönheit wirklich reinhören kann.

www.simonstockhausen.com