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Everon – North

Sechs Jahre ist es mittlerweile her, seit die deutsche Progressive-Rockband die beiden Alben „Bridge“ und „Flesh“ parallel veröffentlichte. Nun liegt das neue Album „North“ vor. Wie auch damals, wurde das aktuelle Material im eigenen Studio Spacelab von Oliver Philipps (Voc/Git/Keys) und Christian Moos (Drums) mit Cubase aufgenommen und produziert. Wir sprachen mit Oliver über die CD, Cubase und seine Einstellung zum Musikbusiness…

Ihr betreibt Euer Studio Spacelab nun erfolgreich seit über 10 Jahren. Alles begann mit Eurem Album „Venus“ aber schon bald danach folgten auch Produktionen für andere Bands aus unterschiedlichen Genres. War es von Anfang an Teil Eurer Planung, auch andere Band zu produzieren oder kam es eher zufällig dazu?

Das hat sich einfach ergeben, wirklich geplant war es nicht. Ursprünglich hatten wir das Studio nur eingerichtet, um unsere eigenen Platten dort zu produzieren. Danach kamen dann aber die ersten Anfragen von anderen regionalen Bands und ziemlich schnell auch Aufträge von Plattenfirmen. Spacelab wuchs bald zu einem professionellen Studio.

 

Wie hat sich das Studio seit dem entwickelt? Wann kam Steinberg Software zum Setup dazu?

Ehrlicherweise haben wir ungewöhnlich lange komplett analog gearbeitet - etwa bis 2002. Computer wurden zwar eingesetzt für z.B. Mischpultautomation oder Midi-Recording (damals noch mit Atari und Notator-Software von Emagic) aber das Audio-Recording lief komplett analog auf 2-Zoll Bandmaschinen. Zusätzlich hatten wir einen 8-Spur DAT angehängt, falls 24 Spuren mal nicht ausreichend waren. Die Gründe, analog zu arbeiten, waren in erster Linie klanglicher Natur. Es hat relativ lange gedauert, bis bezahlbare Wandler qualitativ gut genug waren, einigermaßen mit Highend Analog-Recordings mithalten zu können. Als dieses Problem gelöst war, sind wir dann auch auf digitales Recording umgestiegen. Es war auch irgendwann nicht mehr möglich, sich dem allgemeinen Trend zu verschließen. Vieles, was in Sachen Signalbearbeitung nur digital möglich ist, ist einfach wesentlicher Bestandteil moderner Produktionen geworden. Mit immer schnelleren Rechnern war es dann auch möglich, komfortabel auf digitaler Ebene zu arbeiten.  


Gab es einen bestimmten Grund, warum Eure Entscheidung zugunsten von Cubase gefallen ist?

Für uns stand von vorneherein fest, dass es ein natives System sein sollte, denn wir wollten unsere Hardware-Setup flexibel nach unseren Bedürfnisse aufbauen können. Außerdem ist das Preis-Leistungsverhältnis von DAWs, die an bestimmte Hardware gebunden sind, einfach miserabel. Wir haben also zwei native Programme ausprobiert und Cubase war das einzige, mit dem wir sofort einen stabilen Sync mit der analogen Maschine hinbekommen haben. Zum anderen finde ich Cubase einfach intuitiver in der Menuführung, es ist in der Handhabung für mich das bessere Programm. Da wir zudem vor etwa 4 Jahren von Macintosh auf ein PC-System umgestiegen sind, kam uns die Cross-Plattform-Fähigkeit von Cubase sehr entgegen. In der Summe sprachen diese Argumente einfach für Cubase als Recording-Software, und diesen Schritt haben wir auch nie bereut!


Wie stehst Du zu dem Prozess der fortschreitenden Digitalisierung in Studios? Ist es für Dich eher ein Fluch oder nimmst Du die Vorzüge der Digitaltechnik gerne an?

OP: Ich bin überhaupt kein „Früher war alles besser“-Typ, ich möchte auch die Möglichkeiten des digitalen Recordings überhaupt nicht mehr missen wollen! Aber die Arbeitsweise, die es einem heute als Studiobetreiber aufdiktiert, nervt mich manchmal sehr. Meist wird mehr editiert als gespielt. Wenn Du einem Musiker sagst, er soll bitte mal einen Take wiederholen, weil er nicht taugte, schauen Dich manche mit großen Augen an und fragen, ob Du das denn nicht editieren könntest. Kann ich vielleicht, will ich aber nicht! Es ist großartig, dass man durch digitale Technik einen Zugriff auf das aufgenommene Signal hat. Das wäre analog so nicht möglich gewesen aber das sollte nicht bedeuten, dass es dadurch überflüssig geworden wäre, ordentlich zu spielen. Wenn man sich immer darauf verlässt, dass man es schon irgendwie zusammen schneiden kann, vernachlässigt man völlig das, was eigentlich am wichtigsten ist: Ausdruck und Emotion. "Gut" spielen oder singen ist mehr, als alles perfekt zu editieren und dann per cut/copy/paste die richtigen Klötzchen an die richtige Stelle zu kopieren.
Mir missfällt, dass sich viel zu viele Musiker nur zu gerne in das Sicherheitsnetz aus Autotuning und Quantisierung fallen lassen. Werkzeuge, die als Notfallmaßnahme wirklich segensreich sind, sind mehr und mehr zu einer Standardprozedur geworden, und ich mag das nicht sonderlich. 
Aber so geht es halt am schnellsten, Plattenfirmen haben alle kein Geld mehr, Zeit ist Geld und alles muss schnell gehen. Auf das Schlagzeug kommen immer dieselben Samples, damit es sofort "amtlich" klingt. Dann noch einmal die Vocals schön durchtunen usw. … ich kann es echt nicht mehr hören!
Im Endergebnis führt es zu einer totalen Gleichmacherei, die der Individualität der einzelnen Bands/Musiker überhaupt nicht mehr gerecht wird. Alles jammert, dass keine Platten mehr verkauft werden und die Halbwertszeiten von Bands so kurz sind, weil nichts langfristig Erfolg hat. Das Problem des Raubkopierens und Filesharings spielt hier sicherlich eine große Rolle, aber es mag auch durchaus ein wenig daran liegen, dass man die Bands ihrer Identität beraubt, weil sie produktionsmäßig alle in dieselbe Schablone gepresst werden. Eine klingt wie die andere. Das macht sie einfach austauschbar und es schafft wenig Identifikation mit dem Publikum.

Dennoch hört es sich auf „North“ so an, als würdet auch Ihr für das Schlagzeug Trigger-Samples nutzen…

Samples zu triggern ist eine klangliche Frage, das ist nicht dasselbe, wie von vornherein alle Drums zu quantisieren. Bei uns sind die Drums komplett analog aufgenommen, und lediglich Bassdrum/Snare triggern im Mix zusätzlich zum akustischen Signal noch ein Sample, um den Klang anzureichern.

Könnt Ihr Euch den Luxus erlauben, nur mit Bands zu arbeiten, die Ihr Euch ausgesucht habt und bei denen Differenzen im Studio nicht vorprogrammiert sind?

Ich arbeite nach wie vor gern mit und für Bands, aber nur, wenn sie sich auf meine Arbeitsweise einlassen und auch eine Plattenfirma haben, die genug Budget bereitstellt!
Ich hatte Ende 2006 ein Schlüsselerlebnis: Wir hatten eine Band im Studio, und als wir endlich beim Gesang ankamen, fiel mir auf, dass ich dabei zum ersten Mal überhaupt die kompletten Songs gehört hatte. Bis dahin gab es immer nur Stückchen zu hören. Leider wird das heute mehr und mehr die normale Situation, die aber nicht mit meiner Vorstellung vom Musikmachen zusammen geht. Ich sehe auch nicht, was ich als Producer beizusteuern habe, wenn ich die Songs nicht einmal wirklich kenne.
Mein Hauptjob ist daher inzwischen auch ein anderer. Ich komponiere und produziere Musik für Filme (Promo-Filme, Dokumentationen, Werbung usw.). Da muss ich mir von niemandem eine Arbeitsweise vorschreiben lassen, sondern mache es einfach so, wie ich es für richtig halte. Und wenn ich einen Take schlecht gespielt habe, spiele ich ihn halt neu, anstatt zu editieren. :-)


Auch bei Everon könnt Ihr Euch Eure Arbeitsweise aussuchen. So hört man seit „Bridge“ und „Flesh“ auf Euren Releases vermehrt klassische Instrumente. Auch auf „North“ habt Ihr auf die Dienste eines Cellisten zurückgegriffen. Setzt Ihr neben diesen echten Instrumenten auch VST Instrumente wie „HALion Symphonic Orchestra“ oder „The Grand“ ein?

Ich benutze für Orchestrierungen, die in der Tat eine große Rolle bei uns spielen, häufig Sample Libraries. Mit Halion Symphonic Orchestra habe ich allerdings noch nicht gearbeitet. Sample-Libraries sind derart umfangreich, dass es sich einfach empfiehlt, bei einer zu bleiben,  die für die persönliche Arbeit funktioniert. Die Suche nach den geeigneten Artikulationen der jeweiligen Instrumente ist so einfach viel effizienter und ich würde da nicht ohne Not wechseln. Bei Pianos hab ich noch kein VST Instrument gefunden, das ich wirklich im Ergebnis vollkommen befriedigend finde. Für sich allein klingen alle prima und sehr natürlich aber wenn es zum finalen Mix kommt, geht für mich nichts über ein gutes Stage-Piano.
Ich bin seit jeher ein großer Fan von Yamaha Stage-Pianos und setze diese auch auf unseren Alben ein.

Das Songwriting ist bei Dir offenbar ein besonderer Prozess. Wenn ein neues Album ansteht, ziehst Du Dich gerne in kleine Ferienhäuser auf einsamen Inseln zurück, um dort Musik und Texte zu schreiben. Brauchst Du dieses veränderte Umfeld, um die nötige Kreativität in Dir zu wecken?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Ich bin ja hauptberuflich in erster Linie Komponist, d.h. ich schreibe eigentlich das ganze Jahr Musik - sei es nun für Filme oder andere Künstler.
In aller Regel tue ich das entweder im großen Studio oder hier zu Hause in meinem kleinen. Diese Songwriting-Auszeiten für Everon sind eher ein Luxus, den ich mir gönne, als eine wirkliche Notwendigkeit. Ich finde es einfach sehr angenehm, mal ein paar Wochen ganz aus dem normalen Umfeld herauszukommen und mich ganz auf das Schreiben einer neuen Platte konzentrieren zu können. Für mich funktioniert diese Arbeitsweise prima aber eine Notwendigkeit ist es sicher nicht! Die ersten fünf Everon Platten sind allesamt ohne solche Ausflüge entstanden.

Welches Equipment nimmst Du mit, um Ideen und Songs aufzuzeichnen? Papier und Bleistift oder doch eher Laptop und Cubase?

Papier und Bleistift würden mir wenig nützen, Notation ist nicht eben meine stärkste Seite. Ich nehme einen schnellen Rechner mit Cubase und meinen benötigten Sample-Libaries/VST Instrumenten mit, ein Digitalpult (Yamaha 02 R), in der Regel ein Piano, einen Korg Triton und außerdem ein paar Gitarren mit, so dass ich eigentlich alles am Start habe, um einen vernünftige Vorproduktion zu machen. Handgepäck ist das ganze also nicht gerade, aber man kann es schon noch mit einem Auto transportieren. Eigentlich nehme ich mehr oder weniger mein komplettes Heimstudio mit, ich würde auch ungern bei der Arbeit plötzlich feststellen, dass es doch noch gut gewesen wäre, das ein oder andere mitzuhaben.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bandwebsites, findet man auf Eurer neu gestalteten Seite keine „Tour“-Rubrik. Gibt es dennoch Pläne, das Material von „North“ auch mal live zu präsentieren? Könntest Du Dir vorstellen, auf der Bühne auch Steinberg-Software einzusetzen?

Mal sehen, Bridge/Flesh haben wir live gespielt, ich würde nicht ausschließen, dass wir auch von North ein Live-Set zusammenstellen. Aber der Aufwand ist, aufgrund unserer ausufernden Arrangements, schon sehr groß und da Everon für keinen von uns der Hauptberuf ist, bin ich nicht sicher, ob wir es diesmal machen werden. Wir müssen live in jedem Fall irgendeine Form von Playbacks benutzen, die Orchestrierungen sind ja nicht wirklich live spielbar und weglassen kann man sie auch nicht, dann funktionieren die Songs nicht mehr. Das kann man mit Software lösen, bislang haben wir aber immer eine Hardwarelösung bevorzugt und ein 8-Spur DAT verwendet. Dabei werden zwei Spuren für das Orchester genutzt, eine dritte für den Click-Track, der über das In-Ear Monitoring nur zu uns geht. Ich finde es immer etwas heikel, sich auf der Bühne auf Computer zu verlassen, je nach Location kann man da echt schnell vor Probleme gestellt werden! Ich denke, technisch machbar ist es heute sicher und ich kenne auch einige, die es tun - allerdings auch eine Menge lustiger Anekdoten, was dabei alles schief gehen kann.


Vielen Dank für das Gespräch!

www.everon.de
www.myspace.com/everonband
www.spacelab-studio.com