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Interview mit Sound-Designer Dave Polich

Dave Polich ist seit über zwei Jahrzehnten als professioneller Sound-Designer tätig und gehört zu den erfahrensten Synthesizer-Programmierern der Welt. Michael Jackson engagierte ihn als Master Sound-Designer für seine “This Is It” Tour und Yamaha lässt schon seit vielen Jahren Sounds für den Motif und andere Synths von Polich programmieren. Auch an der Programmierung der HALion Sonic Library war er maßgeblich beteiligt. Als Synthesizer User der ersten Stunde kennt Polich alle klassischen Instrumente der 70er und 80er Jahre bis in die feinsten Details und hat ein beeindruckendes Gespür für die legendären Analogsounds vergangener Zeiten.  Zu hören ist dies beispielsweise im neuen Vintage Classics VST Sound Instrument Set für den virtuell analogen Steinberg Synthesizer Retrologue. Wir sprachen mit Dave Polich über seine Tätigkeit als Sound-Designer und die Herausforderung bei der Nachbildung klassischer Synthesizersounds.

Du hast als Sound-Designer für viele weltbekannte Musiker und verschiedene große Firmen wie z.B. Yamaha gearbeitet. Erzähle uns doch bitte etwas über deine musikalische Ausbildung und wie du zur Sound-Programmierung gekommen bist.

Angefangen habe ich mit Klavierstunden im Alter von 8 Jahren. Mit 13 habe ich das Schlagzeugspielen begonnen und meine erste Band gegründet. 10 Jahre später bin ich wieder zum Keyboard zurückgekehrt und habe mir meinen ersten Synthesizer, einen Minimoog, gekauft. Ich habe drei Stunden gebraucht um herauszufinden, dass ich am Cutoff-Regler drehen musste, um den Sound heller zu machen. Aber ich war direkt Feuer und Flamme – einfach eine Taste am Synth zu drücken und dabei fantastische neue Klänge zu hören war für mich das Coolste überhaupt. Und so geht es mir heute noch.

Ich war immer der Typ, der während jeder Pause auf der Bühne an den Knöpfen der Synthis gedreht hat, um neue Möglichkeiten der Klangerzeugung zu entdecken. Das führte letzendlich dazu, dass ich bald jeden der “klassischen” Synthesizer besaß und spielte, der damals erhältlich war. Von analog über FM bis hin zu Sample-Playern. 1991 hatte ich meinen ersten Sound-Design Gig für Yamaha und seitdem bestreite ich damit meinen Lebensunterhalt – über zwei Jahrzehnte schon. Ich bin sehr glücklich, dass ich machen kann, was mir Spaß macht und damit auch noch ein bisschen Geld verdiene.

Wie haben sich Sounds und Sound-Design in den letzten 20 Jahren weiterentwickelt? Was ist das Besondere am Sound der 70er und 80er Jahre?

Der größte Unterschied zwischen den aktuellen Synths und denen aus der Anfangszeit ist wahrscheinlich, dass die Sounds heute sehr viel komplexer sein können. Du brauchst nur noch eine Taste an einer Workstation wie dem Yamaha Motif zu drücken oder einen Sound von einem virtuellen Synth wie HALion Sonic zu spielen und es erklingt ein komplett instrumentiertes Musikstück, inklusive Drums und Percussion.

In der Vergangenheit war alles analog – echte analoge Klangerzeugung von spannungsgesteuerten Oszillatoren. Und die ersten Synthesizer waren riesig – sie hatten die Größe eines Kühlschranks und waren trotzdem nicht in der Lage, einen einzigen Sound zu speichern. Aber was diese Synths aus den 70ern und 80ern so besonders gemacht hat war ihre Lebendigkeit.  Auch wenn man nur eine einzige Taste gedrückt gehalten hat, hat sich der Sound immer leicht verändert, wie bei einer Trompete oder einer Geige. Es war nicht statisch wie bei einer Fotografie. Es war immer elastisch und gummiartig und metallisch und gläsern und manchmal alles zusammen.

Und man darf nicht vergessen, dass Synthesizer in den 70er und 80er Jahren brandneue Instrumente waren. Sie fingen gerade an, Einzug in die Popularmusik zu halten und wurden dazu verwendet, Musik mit neuartigen Klangfarben anzureichern. Manchmal waren die Sounds so einzigartig und auffällig, dass man genau sagen konnte, in welchem Song man sie zum ersten mal gehört hat. Die Synth Sounds von The Who sind dafür ein perfektes Beispiel –  jeder hat diese speziellen Sounds, die sich in der Erinnerung festgesetzt haben. Das Gleiche lässt sich über die Sounds von Pink Floyd, Kraftwerk, Styx, Van Halen und andere Bands sagen – die Sounds waren ein essentieller Bestandteil der Songs und maßgeblich verantwortlich für deren Wiedererkennungswert.

Was war die größe Herausforderung bei der Nachbildung des Sounds dieser Klassiker?

Die größte Schwierigkeit bestand für mich darin, Stellen in den Songs zu finden, wo der Sound deutlich genug zu hören war. Wenn ein Sound zu sehr im “Mix vergraben” ist, ist es sehr schwierig mit Sicherhiet zu sagen, ob es ein Sägezahn oder Rechteck Oszillator ist, welcher Filtertyp verwendet wurde und ob die Modulation auf einer Rechteckwelle oder Sample & Hold basiert. In den meisten Musikstücken sind die Synthesizer Sounds mit Equalizern und verschiedenen Effekten bearbeitet wie Delay, Reverb oder Modulationseffekten. Da muss man “hindurchschauen” und versuchen zu erkennen, wie der unbearbeitet Originalsound geklungen haben könnte. In manchen Fällen war es deutlich zu hören, dass der Sound aus zwei oder mehr Synthesizer Spuren bestand…ein “Layer”. In den Anfangszeiten konnten Synthesizer nur einen Sound zur Zeit abspielen, so dass man mehrere Spuren übereinander aufnehmen musste, wenn man komplexere Sounds erzeugen wollte.  Es war für mich eine große Herausforderung zu entscheiden, ob ich den “Layer “ direkt nachbauen konnte oder separate Sounds für jede Komponente des Layer programmieren musste.


Dank der gewaltigen technologischen Entwicklung der letzten Jahre sind Software-Synthesizer immer leistungsfähiger geworden und werden immer häufiger in Musikproduktionen und auf der Bühne eingesetzt. Was ist für dich der wichtigste Unterschied zwischen Hardware- und Software-Synthesizern.

Software-Synthesizer haben den Vorteil, dass damit Dinge möglich sind, die ein Hardware-Synthesizer nicht leisten kann, weil ihm weitaus weniger Rechenleistung zur Verfügung steht. Ein Beispiel hierfür sind Additive oder Ganulare Synthesizer, deren Klangerzeugung auf anspruchsvollen Berechnungen beruht, die nur leistungsstarke Prozessoren moderner Computer realisieren können. Auf einem Computer kann man außerdem mehr als eine Instanz eines Software-Synthesizers öffnen. In Cubase habe ich schon bis zu 16 Retrologue Instanzen gleichzeitig verwendet! Und wahrscheinlich wären noch mehr möglich gewesen. Aber ich habe nur einen Prophet Synth. Ich habe keine 16 Stück und selbst wenn, ware es äußerst unpraktisch alle zu verwenden.

Die Leistung von Computern hat zugenommen und die Fähigkeiten von Software-Synthesizern in der Nachbildung des Sounds von klassischen Hardware-Synthesizern hat einen Punkt erreicht, wo es schwer ist zu unterschieden, ob man gerade einen Software-Syntesizer oder das analoge Original hört. Und natürlich kann man auf einem Computer Software-Synthesizer mit den verschiedensten Syntheseformen verwenden – analog, FM, granular, additiv, waveshaping ­­– alles gleichzeitig. Heute kann man sich mit einem ganz normalen Computer ein “Monster-Setup” aus Synthesizern zusammenstellen erstellen, wie es früher niemals möglich gewesen.