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Hamburger Planetariumskonzert mit Bernd Kistenmacher

Von Cornel Hecht, 2. Februar 2017

Sucht man nach dem Ursprung der Elektronischen Musik so landet man dabei fast ausschließlich in Europa mit Künstlern wie Luigi Russolo in Italien mit „The Art of Noises“, dem Theremin in Russland und Musikern wie Karlheinz Stockhausen aus Köln oder Pierre Schaeffer mit der „Musique concrète“. Zweifelsohne besteht eine Verbindung zur klassischen Musik mit langen instrumentalen Stücken abseits der gewohnten Pop-Strukturen.

Die EM-Musiker der ersten Generation in Deutschland sind schnell aufgezählt: Klaus Schulze, Tangerine Dream aus Berlin und Kraftwerk aus Düsseldorf. Anfang der 80er Jahre wurden diese durch eine neue Musikergeneration abgelöst, die den klassischen Sound der Berliner Schule auf neue Art interpretierte.

Bernd Kistenmacher zählt zu dieser zweiten Generation elektronischer Musikproduzenten. Seine Karriere begann 1982 und seitdem sorgt Kistenmacher mit einem konstanten Output an Live-Konzerten und Studioproduktionen für eine Bereicherung der Elektronikszene.

So listet seine Diskografie weit über 20 Solo-Alben. Aktuell gibt er Live-Konzerte in Planetarien welche besonders spektakulär sind. So neben Bochum auch in Hamburg. Wir nehmen die Vorbereitungen zu dem geplanten Hamburger Planetariumskonzert auch zum Anlass für dieses Interview.

Das Konzert basiert auf deinen Kompositionen aus dem neuen Album „EMpathy“. Hattest du beim Komponieren und Produzieren der Stücke bereits im Hinterkopf, diese in einem Surround-Umfeld, wie das in einem Planetarium, aufzuführen?

Mittlerweile produziere ich beinahe ausschließlich in 5.1 Surround. Das alles mit einer Auflösung von 96 kHz 24 Bit. Diese Arbeitsweise ermöglicht es mir letztlich jede Form von akustischem „Derivat“ zu erstellen. Also z.B. 5.1 Mischungen für Planetarium Shows, Vinyl-Pressungen mit hoher Dynamik oder Standard Stereo-Mischungen für Veröffentlichungen auf CD bzw. angepasste Versionen für Downloads. Ich arbeite also im Prinzip einmal an einer hochqualitativen Basis und gehe dann Top-Down weiter. Je nachdem was benötigt wird.

5.1 Surround bietet dem Musiker deutlich mehr kreative Möglichkeiten, als beispielsweise ein Stereo-Mix. Maskierungseffekte treten nicht so sehr in den Vordergrund, weil sich das Klangmaterial besser im Surround-Feld verteilen lässt. Lässt sich der Mix vom heimischen Studio so einfach in das Planetarium-Umfeld übertragen?

Nein, überhaupt nicht. Die Abhörsituation im Studio ist optimiert. Alles ist eingemessen. Man hat in der Regel brauchbare Abhörmonitore zur Verfügung. Das alles ist nicht automatisch auf die Situation in einem Planetarium abbildbar. Zunächst ist kein Planetarium wie das andere. Selbst wenn die Kuppeln einen ähnlichen Durchmesser haben, so kann die Bestuhlung anders ausfallen und zusätzlich ist unterschiedliche Technik installiert. Die akustische Situation ist eine vollkommen andere, als „daheim“. Dann gibt es raumbedingt hörbare Laufzeiten. D.h. dass man im Mix und in der Darbietung vor Ort Delays nur punktuell einsetzen sollte. Ansonsten kann es passieren, dass der gesamte Sound zu „schwimmen“ anfängt. Im Grunde ist es schon so, dass man den Kuppelraum vorher sorgfältig vermessen sollte und die einzelnen Kanäle entsprechend gegeneinander verschiebt. Das macht natürlich keiner. Allerdings arbeiten moderne Planetarien schon intern mit hervorragend eingemessenen Lautsprecheranlagen, sodass sich das Problem im Mix nicht ergibt. Sehr gute Erfahrungen habe ich diesbezüglich im Zeiss Planetarium in Jena gemacht. In Hamburg ist das ebenfalls zu erwarten.

Ein weiteres Problem ist die Dämpfung des Raumes. Ein leeres Planetarium klingt anders als ein volles. So mancher schöne Soundcheck war plötzlich tot, wenn der Saal gefüllt gewesen ist. Hier muss man also immer ein wenig mit zusätzlichem Hall arbeiten und den Mix klanglich anpassen. Im LWL Planetarium in Münster (Januar 2017) lief alles so gut, dass ich im Endeffekt nur die Höhen im Master EQ leicht anheben musste.
Was im Surround-Mix wiederum sehr gut zum Tragen kommt, ist der Einsatz von automatisierten Surround-Fadern. Wenn du also Signale (z.B. Effekte) dynamisch im Raum positionierst oder „fliegen“ lässt, dann hast du im Planetarium natürlich ein beeindruckendes, akustisches Erlebnis. Aber dafür geht man ja als Musiker in die Planetarien.

Soweit ich weiß, hast du lange auf Band aufgenommen und bist dann irgendwann zum Recording per DAW am Computer gewechselt. Inwiefern hat sich seitdem deine Arbeitsweise verändert?

Das stimmt. Alles hat mit live eingespielter Musik begonnen, die ich zeitgleich auf meinem Kassettenrecorder aufgenommen habe. Mit Beginn der ersten ernsthaften Veröffentlichung 1986 („Head-Visions“), habe ich dann meine Stücke auf einer Teac Tascam 8-Spur Maschine aufgenommen. Das ging so bis ca. 1988. Zu dieser Zeit vollzog sich dann auch der technische Wandel weg von analoger und hin zu digitaler Technik. Das war so im Bereich der digitalen Klangerzeugung und auch im Aufnahmebereich. Zu dieser Zeit benutzte ich die Korg M1 und natürlich den Atari 1040ST mit Cubase. Damals war Cubase noch ein reiner Sequenzer. Dass daraus eine erwachsene DAW werden würde, konnte sich damals sicherlich niemand vorstellen. Für mich persönlich entstand dann aber ein Bruch. „Ernsthafte“ Rechner waren limitiert in den Möglichkeiten und für mich auch einfach unbezahlbar. Diese digitale Zwischenphase war für mich äußerst unbefriedigend und sogar 2009 produzierte ich mein Album „Celestial Movements“ noch mit dem internen Sequenzer der Roland Fantom G8, Workstation, wobei ich auch alle externen Synthesizer über MIDI mit dem G8 steuerte und alles dann sauber ausgepegelt aufgenommen habe. Bernd Scholl, mein damaliger Labelchef von MellowJet Records, riet mir dann ich solle mir doch mal Sonar von Cakewalk (damals noch von Roland) anschauen. Ich folgte dieser Empfehlung und war begeistert, was sich in den vergangenen Jahren alles getan hatte. Ein komplettes Tonstudio im Rechner war Realität geworden.

Die Einstiegshürde bei einer DAW wie Cubase ist sicherlich sehr anspruchsvoll. Wir bei Steinberg versuchen aber genau diese Hürde so gering wie möglich zu halten indem wir genau analysieren, wie die Anwender unsere Software einsetzen und verwenden, um sie daraufhin zu vereinfachen und zu verbessern. Du bist von Sonar aus zu Cubase gewechselt. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Ohne Vorkenntnisse mit einem derart umfangreichen System wie Cubase zu beginnen ist tatsächlich eine Herausforderung. Meine Erfahrungen mit Sonar über etliche Jahre hinweg haben mir aber geholfen, mich in das gesamte DAW Thema einzuarbeiten. So war es schließlich der Wille nach mehr, der mich bewogen hat zu Cubase zu wechseln. Aktuell arbeite ich mit Version 9 und die möchte ich nun wirklich nicht missen. Im Grunde ist es aber so, dass man sich viel Wissen über Ton- und Studiotechnik aneignen muss, um mit so einem mächtigen Instrument wie Cubase arbeiten zu können. Probieren, scheitern und neu probieren ist dabei sicherlich „part of the business“. Einem Einsteiger würde ich empfehlen mit Cubase Elements zu beginnen und Erfahrungen zu sammeln.

Mit HALion 6 bietet Steinberg ein sehr mächtiges Werkzeug zur Klangerstellung und Klangformung. Cubase bringt selbst auch einige Synthesizer wie den Retrologue 2 mit, der von vielen Musikern mit Begeisterung aufgenommen wurde. Nach wie vor setzt du eine Menge an Hardwaresynthesizern ein. Überzeugen dich Softwareinstrumente noch nicht?

Das ist ganz und gar nicht der Fall. Ich benutze alles, was in meinem musikalischen Sinn vernünftig klingt. Das sind analoge und digitale Synthesizer genauso, wie gute PlugIns. Das ist auch auf der Bühne so. Vor kurzem habe ich ja im LWL Planetarium in Münster gespielt und da hatte ich Hardware und Software gleichermaßen am Start. Ich mache da keine Unterschiede.

Es ist sicher inspirierender an einem realen Instrument mit einer Komposition zu starten, als beispielsweise mit einer leeren Partitur am Computer. Wie startest du bei einem neuen Track – wovon lässt du dich inspirieren?

Ich sehe auch da keinen allzu großen Unterschied. Wenn das Masterkeyboard stimmt, kann man sehr wohl unmittelbar in den Computer „reinkomponieren“. Der ist letztlich auch nichts anderes, als ein leeres Notenblatt. Inspiration für ein Stück kann man überall und in jeder Situation bekommen. Gerade wenn man sich mit belanglosen Dingen beschäftigt, kommen einem Ideen. Ein Zeichen dafür, dass das Gehirn im Prinzip ständig im Hintergrund komponiert. Im Studio kann es ein einzelner Sound sein, der einen auf einen interessanten Pfad führt. Wichtig ist mir eigentlich nur eines: vermeiden, dass man nicht abgelenkt wird, sondern dass man frei arbeiten kann. Im Grunde muss man in einen Flow-Zustand kommen können. Dann passieren eben auch Dinge, die nicht vorhersehbar waren. Manchmal sind es sogar bessere Dinge. Bei meinen eigenen künstlerischen Projekten schaffe ich mir Vorgaben durch bestimmte Bilder oder Themen. Ich bin ein großer Fan von Konzeptalben, weil es einen thematischen Kern gibt, an dem man sich abarbeiten kann. Meine Alben „Antimatter“, „Utopia“ oder „Paradise“ sind gute Beispiele dafür.

Apropos Konzeptalbum: Kannst du uns etwas zur Entstehungs- und Findungsgeschichte zu deinem Album „EMpathy“ erzählen?

Nun, zunächst arbeite ich noch an der Fertigstellung meines aktuellen Albums „Disintegration“, dass Ende Februar auf meinem Label MIRecords erscheinen wird und dass ich gerade im LWL Planetarium in Münster aufgeführt habe. „Disintegration“ ist meine musikalische Auseinandersetzung mit einer Welt, die sich nicht nur immer schneller verändert, sondern in der sich die bekannten Muster und Strukturen aufzulösen scheinen. Etwas verändert sich. Das können sicherlich viele Menschen nachvollziehen. Und es fühlt sich nicht unbedingt gut an. Ich bin nicht gerade ein typischer Schwarzseher, der hinter allem etwas dunkles vermutet, aber die letzten Jahre haben uns alle vor Herausforderungen gestellt, die wir eigentlich nicht gesucht und gewollt haben. Auch sehe ich gerade keinen Silberschein am Horizont, der auf bessere Zeiten hoffen lässt. Es ist ein Gefühl; eine bestimmte Stimmung, die ich in diesem Album zu reflektieren versuche. Insofern wird die Musik auf „Disintegration“ eher ruhig und eher experimentell sein. Vielleicht auch melancholisch. So wie wir Menschen braucht auch Musik ihren Raum zum „atmen“. Das versuche ich mit „Disintegration“ auszudrücken.

„EMpathy“(die Schreibweise ist korrekt) wird dann in eine andere, deutlich dynamischere Richtung gehen. Auf diesem Album wird es darum gehen Energien, die sich im Laufe der Zeit aufgestaut haben, rauszulassen. Mehr will ich an dieser Stelle noch nicht dazu verraten.

Wirst du im Hamburger Planetarium das Album reproduzieren? Ist das überhaupt technisch machbar oder musst du dabei Kompromisse eingehen? Und was war die größte Herausforderung, als du das Live-Set vorbereitet hast?

Ausgewählte Stücke meiner Alben werde ich unter Einsatz von Cubase reproduzieren, wobei hier wieder viel Raum durch live dazu gespielte Synthesizer eingeräumt wird. Es wird sicherlich auch Momente geben, wo ich mich der reinen Improvisation hingebe. Aber da wir im Planetarium ja auch eine schöne Show vorbereiten wollen, müssen die Techniker schon ziemlich genau wissen, was wann passieren soll. Ohne einen zeitlichen Rahmen kann man das nicht bewerkstelligen. Da ich auch auf der Bühne mittlerweile mit einem einfachen, aber effizienten Dante Audio-Netzwerk arbeite, kann ich auch unmittelbar meine Solo-Synthesizer im Surroundfeld positionieren. Und das ohne zusätzliches Mischpult.

Mittlerweile ist es für viele Künstler schwierig geworden, Erlöse aus den Albumverkäufen zu erzielen. Immer weniger CDs werden verkauft, Vinyl erlebt gerade eine Renaissance. Streamingdienste wie Spotify sind bei den Konsumenten sehr beliebt, zahlen sich aber für viele Künstler nicht aus. Daher halten viele Künstler Ausschau nach Alternativen, um ihre Musik zu präsentieren. Deine Musik ist sehr sphärisch und lädt zum Träumen oder gar Meditieren ein und passt demnach vorzüglich in ein Umfeld, wie die des Planetariums. Kannst du dich noch an dein allererstes Planetariumskonzert erinnern? Und wie bist du auf die Idee gekommen, genau dort deine Musik aufzuführen?

Ein Label für meine Musik (und früher auch für andere Künstler) habe ich seit 1986. Ursprünglich war das Label als zweites, wirtschaftliches Standbein neben meiner eigenen Karriere als Solo-Künstler gedacht. Allerdings muss ich ehrlich sein: das hat aus vielen Gründen so nicht funktioniert. Ein Label zu besitzen heißt Verantwortung für andere zu übernehmen. Das war mir Anfangs in dieser Tiefe nicht klar. Wenn man parallel seine eigenen Ziele verfolgt, kann man nicht oder nur wenig für andere da sein.

Der zweite Aspekt war eher ökonomischer Natur. In der Zeit, als das Plattenbusiness noch klassische Strukturen hatte, also das Produkt von der Produktion, über den Vertrieb in den Handel ging, kombiniert mit brauchbarem Airplay im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, funktionierte das Label sogar ganz gut, obwohl elektronische Musik auch damals ein Nischendasein fristete. Dann begann die Phase der selbstproduzierten und selbstgebrannten CD-Rs, wo man sich nicht mehr sicher sein konnte ob Künstler, die man unter Vertrag nehmen wollte, ihre Werke nicht vorher schon selbst auf CD-Rs verhökert hatten (das ist mir tatsächlich so passiert).

Mit dem Web 2.0 waren dann endgültig alle klassischen Marktstrukturen am Ende. Die Ergebnisse und Konsequenzen sind bekannt und jeder muss seine eigenen Antworten und Strategien darauf finden. Meine sieht so aus, dass ich mich auf meinem Label ausschließlich selbst vermarkte und keine Fremdproduktionen mehr annehme. Darüber hinaus bin ich ein großer Gegner des Streaming. Für Musiker, die eine Musik für ein spezielles Publikum machen, ist die unkontrollierte Feilbietung im Internet der wirtschaftliche Todesstoß.

Ich habe mich aus den meisten Portalen komplett rausgezogen und habe nur noch EINE Quelle, aus der man meine Musik legal beziehen kann. Das ist mein Shop auf Bandcamp und der Merchandising Tisch auf meinen Konzerten. Wer die Musik haben will, bezahlt auch dafür. Damit kann ich zwar den Diebstahl im Internet nicht komplett verhindern, aber doch ein wenig eindämmen.

Zum zweiten Teil Deiner Frage. Mein erstes Konzert in einem Planetarium habe ich 1987 unter dem Titel „Electronic Goes Benefit“ gegeben. Das Planetarium am Insulaner im damaligen West-Berlin hatte seine Kuppel durch einen Brand verloren. Da ich immer schon von Astronomie begeistert gewesen bin lag es nahe, dass Haus mit dieser Idee zu unterstützen. Insgesamt waren es sogar drei Konzerte an zwei Tagen, wobei der damalige Sender Freies Berlin sogar einen Übertragungswagen hingestellt hat, um das Konzert mitzuschneiden und zeitversetzt zu übertragen. Das war schon ein Erlebnis.

Magst du den Lesern zum Abschluss dieses Interviews noch kurz einen Einblick geben, welche Steinberg Software du verwendest und was deine Highlights sind?

Wie bereits erwähnt bin ich nun bei dem sehr stabilen Cubase Pro 9 in Verbindung mit Rednet Interfaces von Focusrite. Bei kleineren Gigs setzte ich aber auch gerne das UR44 von Steinberg ein. Und zum Mastern verwende ich WaveLab 8.5. Alles läuft hier zur vollsten Zufriedenheit.

Bernd Kistenmacher ist live im Konzert im Hamburger Planetarium am 22. April 2017. Erfahren Sie mehr unter http://www.planetarium-hamburg.de/de/veranstaltungen/details/mountains-a-journey-in-surround

Website: www.berndkistenmacher.com
Blog: www.bernd-kistenmacher.blogspot.com
Bandcamp: https://berndkistenmacher.bandcamp.com/

Alle Fotos © Copyright Wanja Janowski, Berlin