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Kraftwerk in 3D (Teil 1)

Von Cornel Hecht, 25. April 2018

Das Multimedia-Projekt Kraftwerk wurde 1970 von Ralf Hütter und Florian Schneider im Umfeld der experimentellen Kunstszene in Düsseldorf gegründet. Zur selben Zeit errichteten sie das legendäre elektronische Kling-Klang-Studio, in dem alle Kraftwerk-Alben konzipiert, komponiert und produziert wurden. Zahlreiche Live-Auftritte fanden seinerzeit in den Kunstmuseen und Galerien des umgebenden Rheinlands statt.

Kraftwerk gelten als Wegbereiter von Electro, Hip Hop, Synthie Pop, Minimal und insbesondere Techno. Sie haben in fünf Jahrzehnten Musikgeschichte geschrieben. Bereits seit den Anfängen in den frühen 1970er-Jahren waren Kraftwerk mit den Entwicklungen modernster Technologien verbunden und haben dabei den Soundtrack unseres digitalen Computer-Zeitalters vorausgeahnt und maßgeblich geprägt.

Mit ihren elektronischen Klängen und synthetischen Stimmen, den automatischen und maschinellen Rhythmen, sowie einem durchkonzipierten Roboter-Erscheinungsbild griffen sie das Thema einer von Maschinen, Computern und Daten beherrschten Welt, sowohl musikalisch als auch sprachlich und visuell auf und thematisierten so bereits sehr früh die wichtigsten Fragen des Informationszeitalters: das Zusammenwirken von Mensch und Maschine.

Die von Kraftwerk verwendeten Technologien spiegeln die technische Evolution der vergangenen Jahrzehnte. Spielte 1974 auf „Autobahn“ der Minimoog die tragende Bass-Sequenz, so experimentierte Kraftwerk 1986 auf „Electric Café“ mit Samples aus dem Synclavier und 2003 entstand der „Tour de France Soundtracks“ unter anderem mit Hilfe von VST PlugIns.

Seit der Retrospektive „Kraftwerk – The Catalogue 12345678“ im Museum of Modern Art in New York 2012 schließt sich der Kreis und die multimedialen Darbietungen von Kraftwerk – alias Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen – werden im Kontext zeitgenössischer Kunst als einzigartige Form künstlerischer Performance wahrgenommen.
Der 3D-Konzertreihe im MoMA folgten in den nächsten Jahren weitere u.a. in der Tate Modern Turbine Hall (London), Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (Düsseldorf), Akasaka Blitz (Tokyo), Opera House (Sydney), Walt Disney Concert Hall (Los Angeles), Fondation Louis Vuitton (Paris), Neue Nationalgalerie (Berlin) und im Guggenheim Museum (Bilbao).

Kraftwerk Gründer, Komponist und Texter Ralf Hütter wurde 2014 mit dem Grammy Lifetime Achievement Award für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Im Mai 2017 veröffentlichte Warner Music/Parlophone die neuen Aufnahmen der kompletten Kraftwerk-Meisterwerke 12345678 unter dem Namen „3-D Der Katalog“.

Auch Steinberg möchte den langjährigen Cubase-Usern zum Grammy gratulieren. Dazu haben wir uns mit Fritz Hilpert über Kraftwerk, Musiktechnologie und das Album 3-D Der Katalog unterhalten.

Herzlichen Glückwunsch zum Grammy! Im Januar habt ihr die begehrte Auszeichnung für „3-D Der Katalog“ in der Kategorie „Best Dance/Electronic-Album“ erhalten. Aus meiner Sicht ist “3-D Der Katalog“ ein Meilenstein für das Thema Raumklang, sowohl was die Verwendung von Dolby Atmos als auch die 3D-Virtualisierung für Kopfhörer betrifft. Speziell dafür wurden Fritz Hilpert als 3D-Mix-Ingenieur und Tom Ammermann als 3D-Masterin- Ingenieur für einen weiteren Grammy – “Best Surround Sound Album 2017“ nominiert.

In den letzten Jahren habt ihr bereits mit d&b audiotechnik erste Erfahrungen im 3D-Live-Sound sammlen können. Konntet ihr diese Erfahrungen in den Dolby Atmos Mix mit einfließen lassen oder war der Dolby Atmos Mix ein kompletter Neustart?

Live nutzen wir das neu entwickelte Soundscape System von d&b. Bei vielen unserer Konzerte der letzten Jahre wurden Erfahrungen im 3D-Live-Sound gesammelt und flossen in die Entwicklung des Systems ein.

Aber auch die Kraftwerk Live-DVD „Minimum-Maximum“ wurde bereits für die DVD in 5.1 gemischt und ist in der reinen Audioversion auch als SACD im Mehrkanalton erschienen. Dieses Format bot damals 2005 Mehrkanalton in bestmöglicher Qualität, hat sich aber wie so oft in der Geschichte der Technik nicht durchgesetzt. Inzwischen gehört die Minimum Maximum SACD deshalb zu den begehrten Sammlerstücken.

Der Atmos-Mix baut ja ebenfalls auf einem Surround-Mix auf, wird aber um eine weitere Raumdimension erweitert, was tatsächlich zu einer völlig neuen Wahrnehmung der Musik führt. Realisiert wird das im Home System durch zwei oder vier Höhenkanäle, die auf einer gedachten Halbkugel über dem Kopf angeordnet sind. Diese werden dann entweder direkt angesteuert oder über die sogenannten Objekte adressiert, was neben der dritten Dimension das eigentlich neue an Dolby Atmos ist. Die als Objekte definierten Kanäle können dreidimensional bewegt werden, wodurch Fahrten von vorne links unten nach hinten rechts oben diagonal durch den Raum realisierbar sind.

Generell gibt es ja bei elektronischer Musik keine Vorschriften über die Anordnung der Klangquellen. Anders als bei einer Aufnahme klassischer Musik oder sogar auch von traditionellen Bandprojekten. Dennoch war „Minimum-Maximum“ noch etwas mehr die Abbildung des Live-Konzerts mit Direktsignalen von der Bühne aber auch Atmosphäre aus der Halle. Darauf haben wir bei 3-D Der Katalog verzichtet. Es ging um die maximale Qualität der Quellen unter Einbeziehung aktiver Klanggestaltung auf der Bühne. So war die räumliche Anlage der Sounds im Mix wieder offener. Aber sowohl live als auch für den Atmos-Mix galt die Regel, dass das Rhythmus-Arrangement nicht durch Laufzeiten der Schallquellen gestört oder gar zerstört werden darf. Das heißt die tragenden Rhythmus Elemente dürfen nicht wild über den Raum verteilt werden, die dann nur noch im engsten Sweet Spot funktionieren - wenn überhaupt.

Während das bei Atmos Homesystem-Mischungen noch überschaubar bleibt, ist es bei 3D-Sound in der Konzerthalle aufgrund der großen Entfernungen ziemlich gefährlich. Dort funktionieren am besten Flächensounds, elektronische Stimmen oder andere Sounds die nicht zu perkussiv sind. Das klingt nach sehr vielen Einschränkungen, jedoch bleibt reichlich Spielraum, umso länger man sich in das Thema einarbeitet, z.B. auch in der Positionierung von Hallräumen in einem Mehrkanal-System.

Mittlerweile bringt die Filmindustrie neue Filmproduktionen auch im Dolby Atmos Format in den Verkauf. Musikproduktionen in dieser Art gibt es aber eher weniger. War es daher nicht schwierig, einen geeigneten Maßstab für eure Musik zu finden? Denn es gab kein großes Referenzmaterial, an dem man sich dabei hätte orientieren können.

Relativ unberührtes Klanggebiet zu betreten machte das Vorhaben noch interessanter. Somit war die eigene Phantasie, wie man einen 3D-Mix anlegen könnte, der jetzt auch die 3. Dimension nutzt, nicht vorbelastet. Nach wie vor ist es für den stolzen Besitzer einer 3D-Lautsprecher-Installation schwierig, Musik im 3D-Sound zu finden. Einen Beitrag dazu leisten die Leute von Pure Audio, die einen speziellen Katalog für HD- und 3D-Sound anbieten. Allerdings geht es gerade jetzt deutlich voran mit neuen preiswerteren Verstärkern oder interessanten Soundbars mit Upfiring-Systemen, die die unbeliebte Montage von Deckenlautsprechern ersetzen. Die Höhensignale werden über die Zimmerdecke, die in diesem Fall natürlich wenig bedämpft sein sollte, zum Hörplatz gelenkt. Das funktioniert erstaunlich gut und wird zum Teil auch für die Seitenwahrnehmung genutzt.

Auf der Produktionsseite hat Steinberg mit Nuendo 8 ebenfalls den Zugang zur Atmos-Mix Produktion ermöglicht. So können Cubase-Projekte in Nuendo geöffnet werden, womit eine direkte Anbindung an die Dolby RMU möglich ist und damit auch das Objekt orientierte Mischen. Die Raumobjekte werden dann wiedergabeseitig im Atmos-Decoder auf das spezifisch konfigurierte System mit X Lautsprechern bis hin zur Atmos Cinema Wiedergabe mit maximal 64 Lautsprechern geroutet.

Wir selbst konnten uns hier in Hamburg von der erstklassigen Qualität und Produktion anlässlich der Filmaufführung des „Katalogs“ im Kino vom Dolby Atmos Sound überzeugen und ich war wirklich sehr vom Sound und natürlich auch von den 3D Visuals beeindruckt.
Trotz aller Möglichkeiten, die Position der Klänge zu manipulieren und völlig frei im Raum zu positionieren hatte ich nie den Eindruck, dass es sich hierbei um eine reine Effekthascherei handelt. Ich empfand den Mix sehr offen und transparent. Bei all den Möglichkeiten, die sich bieten, besteht da manchmal nicht auch die Gefahr, sich zu verlieren? Unterscheidet sich die Kinomischung von der Blu-Ray-Mischung? Gibt es Abstriche, die man dort machen muss?

Im Wesentlichen funktioniert der Home-Cinema-Mix auch im Kino. Abstriche auf keinen Fall, ganz im Gegenteil, das Klangerlebnis im Kino ist natürlich das Maximum, was man sich momentan vorstellen kann. Einige Anpassungen haben wir deshalb in der Mixstage der ARRI@Bavaria noch vorgenommen. So wurden einige Fahrten nochmal im Tempo und Stil an dem großen Raum angepasst. Da man im Kino von einer genormten Abhörlautstärke ausgehen darf, kann man auch genau für diesen Abhörpegel arbeiten und muss nicht wie sonst, die Lautstärke abhängige Hörkurve berücksichtigen. Insgesamt verträgt der große Raum auch mehr Bass und den sollte er dann auch kriegen. Das heißt, es können während des Filmes tieffrequente Turbulenzen auftreten und man sollte den Sitzgurt unbedingt während der gesamten Dauer geschlossen halten.

Ich konnte euch mehrmals auch live erleben und soweit ich es beurteilen kann, spielt Ihr live auch viel mit dem Einsatz von Reverbs/Hallräumen, ändert diese ganz bewusst. Dies fand sich so auch in 3D – Der Katalog wieder. Große Hallräume wurden beispielsweise hinter dem Zuhörer platziert. Funktioniert dies so auch für Headphone-Surround-Mischungen?

Durchaus, wir haben für die Headphone Surround 3D-Mixe den Spatial Audio Designer (SAD) von New Audio Technology (NAT) verwendet, den wir auch für die Mischung des Dolby Atmos Beds in Pro Tools und Nuendo benutzt haben. NAT ist Toms Software Company, der seine jahrelange Erfahrung in der Surround- und 3D-Welt auch mit in die Produktion eingebracht hat. Mit dem SAD wurde der fertige Atmos-Mix mittels NATs hochwertiger HRTFs in das virtuelle Studios versetzt, ohne jedoch den Impact einer guten Stereomischung zu verlieren. Im Gegenteil, ich fand meine 3D-Mischungen sehr eindrücklich wieder. Die „vorne hinten oben unten“ Wahrnehmung funktioniert verblüffend gut beim SAD trotz der Wiedergabe über völlig gewöhnliche Stereo-Kopfhörer. Wie immer spielt natürlich die Qualität der Kopfhörer schon eine wesentliche Rolle. Eine gute Auflösung hilft diese Feinheiten wahrnehmen zu können. Aber auch mit diversen Ohrstöpseln kann man bereits verblüffende Klangerlebnisse erzielen.

Die kompletten Kraftwerk-Alben 12345678 unter dem Namen ”3-D Der Katalog“ wurden auf Blu-Ray, DVD, Vinyl und CD veröffentlicht. Dieser enthält die acht klassischen Kraftwerk-Alben Autobahn (1974), Radio-Aktivität (1975), Trans Europa Express (1977), Die Mensch-Maschine (1978), Computerwelt (1981), Techno Pop (1986), The Mix (1991) und Tour De France (2003).
Alle acht Alben wurden in einem Zeitraum zwischen 2012 und 2016 (3-D World Tour) in so imposanten Locations wie MoMA (New York), The Tate Modern Turbine Hall (London), Akasaka Blitz (Tokyo) und dem Sydney Opera House gefilmt und aufgenommen.

Der Kraftwerk-Sound scheint perfekt abgestimmt zu sein. Dennoch gibt es genügend Platz für Improvisation oder Klangmanipulation, sodass jedes Konzert immer auch ein wenig anders erklingt. Elektronische Klangerzeuger gelten als perfekt, fast zu perfekt. Fügt Ihr deshalb auch immer wieder kleine Ungenauigkeiten und Modulationen hinzu?

Es geht sicher nicht darum, die Perfektion durch Ungenauigkeiten aufzubrechen, sondern darum, Spontanität in die Musik zu bringen. Der Begriff Modulation trifft es da besser. Da die Basistracks sehr transparent und strukturiert sind, reicht manchmal schon sehr wenig aus, um den Sound zu variieren. Außerdem gibt es auch einen großen Anteil live gespielter Elemente und schließlich auch „analog Gesang!“ Eine interessante Entwicklung ist, dass Perfektion heute mit einem gewissen Makel behaftet ist, während man sie in den 70ern – 80ern positiv mit „klingt wie auf Platte“ bezeichnete.