Steinberg Media Technologies GmbH

Creativity First

Frankenstraße 18 b
20097 Hamburg

Tel: +49 (0)40 210 35-0
Fax: +49 (0)40 210 35-300

Falls Sie den ersten Teil des Interviews noch nicht gelesen haben, klicken Sie bitte hier.

Kraftwerk in 3D (Teil 2)

Von Cornel Hecht, 25. April 2018

Kraftwerk muss man als Gesamtkunstwerk sehen und es ist kein Geheimnis, dass Ihr live darum auch diverse Kunst-Galerien wie das MoMA bespielt. Doch sind diese Häuser nicht unbedingt perfekt für Musikveranstaltungen konzipiert. Ist es darum sehr aufwändig, Klanginstallationen so zu installieren, dass man mit dem klanglichen Ergebnis zufrieden sein kann? Ich habe gesehen, dass Ihr mitunter auch vor den Konzerten Akustik-Elemente in die Häuser installiert.

Gut beobachtet! Da wir uns in diesen Häusern meist für 8 Konzerte in Folge einrichten, an denen wir jeweils ein Album speziell herausheben, lohnt sich umso mehr der Aufwand, etwas Arbeit in die Akustik zu investieren. Was dann die materiellen Hausmittel nicht schaffen, wird zum Teil auch noch durch die dezentrale Beschallung des Soundscape Systems verbessert. Darum ist es wichtig, dass von den meist üblichen L-R Arrays nicht so viel Energie aus zwei Richtungen in den Raum gepresst, sondern über die horizontalen Arrays ein gleichmäßiges Schallfeld erzeugt wird. Der Aufwand beim Aufbau ist natürlich erheblich größer. Der Abstand und die Abstrahlwinkel der Einzelsysteme müssen in einem Raumsimulationsprogramm exakt berechnet werden.

Kraftwerk war als multimediale Band auch immer mit der Entwicklung modernster Technologien verbunden. Technik als kreatives Medium, um Grenzen in der Musik zu übertreten. Macht man sich dadurch aber nicht auch in einer gewissen Weise abhängig von der Technik?

Jeder Musiker ist von seinem Instrument abhängig. Wenn die Stradivari verloren geht wird es auch sehr still auf der Bühne, oder wenn dem Sänger die Stimmbänder versagen. Ich würde lieber sagen, dass neue Technologien immer wieder auch neue Wege eröffnen. Viel mehr ist die Musiktechnologie abhängig von den Musikern, die ihr einen Sinn geben.

Wie aufwändig gestaltet sich die Suche nach neuen Technologien?

Es gibt so viel Neues in der Welt der Musiksoftware und Hardware, dass es eher ein Selektieren als ein Suchen ist. Die Aufgabe ist eher, sich auf ein persönlich zugeschnittenes Setup zu beschränken, das man gut kennt und optimal nutzt, um sich nicht allein in der Technik zu verlieren. Außerdem bleibt noch die Frage: Was ist wirklich so neu, dass es einen hörbaren Einfluss auf die Musik hat?


Wenn man durch die Länder dieser Welt tourt, sei es Deutschland, die USA oder Russland, hat man den Eindruck, dass es fast keine Atempause für euch gibt. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Was unterscheidet ein Konzert in Moskau von dem in Detroit? Gibt es überhaupt einen spürbaren Unterschied?

Äußerlich ja, aber wenn die Musik einmal startet, zählt nur noch der Sound und die positiven Vibrationen der Musikfans. Einen größeren Unterschied macht es, ob der Saal bestuhlt ist oder nicht. Als Musiker auf der Bühne freue ich mich über ein bewegtes bzw. sich bewegendes Publikum. Als Konzertbesucher finde ich einen schönen Sitzplatz mit gutem Sound und guter Sicht auch sehr angenehm.

Natürlich gibt es schon gewisse regionale Tendenzen, aber die sind meiner Wahrnehmung nach nicht so vordergründig wie man sich das vielleicht vorstellt. Rekord Phonzahlen im Applausometer gab es z.B. unerwartet in Santiago de Chile und in Südkorea, aber auch bei unserem ersten Roskilde Konzert mussten wir die Monitore reichlich quälen, um uns noch selbst gut zu hören.

Dazu fällt mir ein, dass ich aus diesem Grund bei unserem ersten Konzert in Chile 2004 nach „Tour de France“ nur noch über die PA hören konnte, da die dort angemieteten Monitorboxen plötzlich keine Membranen mehr hatten und diverse Pappfetzen neben mir auf der Bühne herumlagen. Die drei Orte sind ja schon deutlich voneinander entfernt und haben doch eine Gemeinsamkeit.

Apropos Touren: Letztes Jahr am 1. Juli 2017 spielte Kraftwerk zum Auftakt der Tour de France, dem sogenannten „Grand Depart“, ein Open-Air-Konzert in Düsseldorf. Jeder der sich ein wenig für Kraftwerk begeistert wird wissen, dass der Fahrradsport und insbesondere die Tour de France einen großen Einfluss auf Kraftwerk ausübt. Kann man die Tour de France als Inspirationsquelle sehen und wenn Kraftwerk zur Eröffnung der Tour de France spielt, schließt sich da nicht auch ein Kreis?

Natürlich ist das ein schönes Gefühl, wenn man während des Konzerts spürt, wie genau das passiert und zusammenläuft, was zusammen gehört. Seit etwa 1990 (es hat also doch 3 Jahre Überzeugungsarbeit seitens Ralf gebraucht) habe ich ebenfalls mit dem Radsport begonnen und verbinde damit großartige Erlebnisse in den Dolomiten und französischen Alpen, was zweifellos die Arbeit an dem „Tour de France Soundtracks“ Album befeuerte. 2009 im Manchester Velodrom gab es ein ähnliches Event, wo zum Titel Tour de France das britische Gold Medal Team von Peking 2008 auf die Bahn gefahren kam, um zur Musik ihre Runden zu drehen und vom heimischen Publikum frenetisch gefeiert wurden.

Wir bei Steinberg beschäftigen uns mit aktuellen Entwicklungen und versuchen abzuschätzen, wohin in Zukunft die technologische Reise gehen könnte. Ihr habt euch früh mit synthetischer Spracherzeugung und Vocodern beschäftigt. Mittlerweile sind Vocoder populär aber als Kraftwerk mit dem Einsatz der frühen Sprachsynthese startete, war diese nahezu unbekannt. Aber auch hier hat die Technologie große Fortschritte gemacht. In Japan beispielsweise ist Yamahas Vocaloid Technologie sehr populär, füllt mit virtuellen Musikern ganze Stadien. Hier in Europa ist die Entwicklung zaghafter. Dabei stehen wir erst am Anfang der virtuellen Realität. Was macht den Reiz dieser neuen Technologien aus und beobachtet ihr auch die Technologien die dahinter stehen?

Natürlich, Sprachsynthese und Vocoder Entwicklung waren von Anfang an Florians Forschungsgebiet und prägten zu einem wichtigen Teil den Kraftwerk-Sound. Andersrum wurden diese elektronischen Stimmen grade in den 90ern so sehr mit Kraftwerk assoziiert, dass andere Künstler diese Elemente schon gar nicht mehr nutzen wollten. Heute ist die wie auch immer erzeugte synthetische Stimme absoluter Alltag durch alle möglichen Smart Geräte mit Sprachausgabe wie Navis oder die guten allwissenden Geister, die bereits vieles für ihren Besitzer erledigen können. So sind die digitalen Stimmen in vielen Facetten auch wieder in die Klangwelt des Electro Pop eingezogen.

Musik ist überall. Geräusche auch. Nahezu geräuschlose Elektro-Autos werden mit Lautsprechern ausgestattet, die einen bekannten Motorsound generieren. Wir bekommen Messages und werden über ein akustisches Signal darüber informiert. Studien zeigen, dass Jugendliche sich immer weniger konzentrieren können. Medien werden immer schneller und Textbausteine immer kürzer. Selbst die Bereitschaft ein komplettes Album zu hören oder ein Buch zu lesen ist nicht mehr gegeben. Menschen hören nicht mehr einander zu sondern schicken sich kurze Nachrichten. Draußen ist der schönste Sonnenuntergang zu sehen aber niemand bemerkt es. Jeder schaut auf sein Phone. Eine problematische Entwicklung.

Könnte Stromausfall nicht auch etwas Positives bewirken? Oder müssen wir erst lernen, einen sinn- und maßvollen Umgang mit der Technik zu finden?

Die Auswirkungen eines Stromausfalls sind ja z.B. durch Vorfälle in den USA vor einigen Jahren bekannt und bewirkten in erster Linie einen Bevölkerungszuwachs. Das von dir angesprochene Heads-Down-Phänomen, beschreibend den ständigen Blick zum Smartphone mit geneigtem Kopf, ist zur Zeit wirklich auf einem unangenehmen Höhepunkt angelangt. Optimistisch betrachtet könnte sich diese Entwicklung bald wieder normalisieren. Aber ich denke auch, dass die jungen Leute, die man gerne damit in Zusammenhang bringt, oft zu pauschal negativ gesehen werden. Oft fehlt den Älteren nur der Einblick in die Szene, um zu sehen, was da wirklich passiert. Das ist so wie in der Musik, die Freunde der Volksmusik hören keine Unterschiede in der Elektronischen Musik und umgekehrt. Es fehlt am gegenseitigen Verständnis. Letztlich wurde im Lauf der Zeit auch die ältere Generation vom Gruppenchat infiziert. Jede Generation und jede soziale Epoche hat ihre spezifischen Erscheinungen und die Evolution hat schon größere Probleme als das Smartphone geregelt.

Amüsant finde ich so großartige Beiträge von Hobbysoziologen zum Thema E-Mail-Sucht wie „es geht ja keiner mehrfach am Tag zum Briefkasten, um nach Post zu sehen“. Dieser Logik folgend müsste man, wenn man am Flughafen sitzt und per Mail oder SMS eine Änderung des Abfluggates erhält, am nächsten Tag eine Beschwerde zurückschreiben, weil man den Flug nicht wahrnehmen konnte, da man traditionell nur einmal täglich die E-Mail abruft. Man sollte aber auch mal in dem Zusammenhang an gewissen Monumenten kratzen: „Im Café mit einem Buch sitzen hat ein ungleich besseres Image als ins Smartphone zu gucken, ungeachtet dessen, um welches Buch es sich handelt bzw. was sich auf dem Smartphone Screen abspielt. Auch durch Lesesucht kann man sich in eine Parallelwelt zurückziehen und sozial vereinsamen. Buch ist gut, Smartphone ist böse kann ein fürchterlicher Trugschluss sein. Ein „Album hören“ ist nicht automatisch sinnvoller als eine persönlich zugeschnittene Playlist. Natürlich gab es in den 70ern, der Hochphase der LPs, großartige Alben, die man auch heute noch in tiefer Trance 40 Minuten gebannt durchhören kann, aber nicht selten hat man sich früher in der Hochzeit der Vinyls über Alben mit musikalischem Füllmaterial geärgert. Man musste an bestimmten Stellen zum Plattenteller stürmen, um seinen persönlichen „no go“ Track zu überspringen. Mit der CD wurde es nicht grade besser, da mussten auch die mehr hitorientierten Künstler eine Stunde vollmachen, um mit einem Longplayer ernst genommen zu werden. Das heißt, die Länge des Werkes war oft mehr von der Kapazität des Abspielmediums bestimmt als vom kreativen Auswurf des Künstlers. Eine Stunde gut zusammengestellter Musik von verschiedenen Künstlern kann da mehr Sinn machen. Und zu guter Letzt sind mir manchmal knappe Textbausteine auch lieber als ein langes repetitives Geschwafel mit hohem Redundanzanteil, so wie ich hier grade.


In den Anfangstagen der elektronischen Musik wurde die Musik mehrspurig auf Tonband aufgezeichnet. Ein späteres Editieren war möglich, wenn man über entsprechende Erfahrungen verfügte. Bänder konnten zerschnitten und geklebt werden. Ein falscher Schnitt konnte aber auch eine Aufnahme ruinieren. Der Computer vereinfachte die Bearbeitung und Aufzeichnung von Musik. Veränderungen konnten wieder rückgängig gemacht werden. Es entstanden viele Möglichkeiten, manchmal zu viele offene Möglichkeiten. Musik zu produzieren bedeutet auch, zu Entscheidungen zu stehen. Sich festzulegen, eben weil es Millionen von Möglichkeiten gibt.

In den Medien geistert das Wort „Digitalisierung“ herum. Dabei ist unsere Welt schon seit vielen Jahren in digitaler Hand. Kraftwerk hat sehr früh begonnen, den analogen Datenstrom in das digitale Format zu übertragen. In den 80er-Jahren war Sampling ein großes Thema, spielt aber mittlerweile bei der Sound-Findung keine große Rolle mehr. Hat sich die Sampling-Technologie nicht mehr als so ergiebig gezeigt?

In den 70ern war ich zweifellos ein Fan der schweren Studiotechnik und konnte fünf verschiedene Magnetbandsorten am Geruch erkennen.
Zu Beginn meines Toningenieur Studiums war ich als Praktikant in der Bavaria und im Union Studio München, wo damals einige der weltweit erfolgreichen Disco-Produktionen aufgenommen wurden.

Dort wurde mit mehreren verkoppelten 24-Spur-Maschinen gearbeitet, die an entsprechenden Megakonsolen aufliefen. Viertelzoll-Bandschnitt war mir sicher schon vertraut, aber das dicke 2-Zoll-Band respektlos mit einer Klinge durchzuschneiden hat mich schwer beeindruckt. Es gab da tatsächlich nur sehr begrenzte „Undo“-Schritte.

Die ersten Solid State Logic Konsolen mit dem legendären Total Recall vermittelten schon einen kleinen Ausblick in die digitale Welt. Wenn man bedenkt, dass das wahnsinnig futuristisch klingende Wort „Total Recall“ bedeutete, dass der damalige Hi-Tec Mischpultmann sich eine halbe Stunde damit beschäftigen musste, mehrere hundert Regler in der Position mit Hilfe des Bildschirm abzugleichen. Ich fand´s trotzdem sehr cool am modernsten Pult dieser Zeit zu arbeiten. Aber das Ende der Studioschwerindustrie war in Sicht.

Die Vorstufe des Samplings und der Kopiermöglichkeiten heutiger Computerproduktionen bestand darin, einzelne Passagen vorzumischen, z.B. andere Chorus-Teile und diese auf die Mastermaschine gezielt zu kopieren oder „einzufliegen“, wie man das damals nannte. Im Vergleich zu heute sicher etwas schwerfällig. Meine Geschichte mit Kraftwerk ist unmittelbar mit dem Begriff Digitalisierung verbunden. Ich wurde zunächst als Synclavier Operator von den Hütern der Analog-Technik angeworben, um das gesamte Klangarchiv zu digitalisieren und das neue zunehmend digitale Live-Setup mit aufzubauen. Später kamen dann noch einige andere Einsatzbereiche dazu.

Dieser Edelsampler von New England Digital hatte schon einen sehr geschmeidigen Sound im Vergleich zu den preisgünstigeren Geräten, die bald den Markt fluteten. Mit dem Synclavier entstanden viele Ideen für das Album „THE MIX“ und sogar noch für „Tour de France Soundtrax“. Sehr viele Tracks wurden zunächst von Ralf in den Synclavier Sequenzer eingespielt und dann über Midi in das Cubase Arrangement übertragen. Mit wachsender Leistungsfähigkeit der Computer wurde die digitale Soundverarbeitung natürlich immer mächtiger und das Sampling ist darin aufgegangen. Aber man kann nicht sagen, dass das, was das Sampling ausmachte, im Sounddesign jetzt verschwunden wäre.

Die Möglichkeiten haben sich natürlich immens erweitert. Aber man kann nach wie vor mit Software-Samplern interessante Stellen eines Tracks isolieren und mit anderen Layern ein Patch erstellen, um so ein völlig neues spielbares Instrument zu bauen, welches genau der Klangwelt der aktuellen Produktion entspricht. So ein echtes Unikat ist z.B. der Lead Sound von Tour de France 03.

Auch wenn man mit einem kleinen Computer die Umwelt nicht in dem Maße beeindrucken kann wie damals als Herr des 5 Meter langen Solid State Logic Pults, bin ich jetzt doch genauso begeistert vom Virtual Studio im Laptop – welches jetzt sogar den Total Recall eines kompletten 3D Mixes bietet.