Progressive Metal goes digital

Von Hollin Jones

TesseracT ist eine Progressiv-Metalband aus Großbritannien, die neben umfangreichen Welttourneen bereits eine Vielzahl gefeierter Alben und EPs veröffentlicht hat. Ihr neues Album "Portals" kombiniert ein visuelles Erlebnis der intensiven Art mit einem Streifzug durch den Band eigenen Back-Katalog. Wir trafen Gründungsmitglied und Produzent Acle Kahney in seinem Studio, um mit ihm über Digitalisierung, DIY-Ethik und die Herausforderungen der Online-Zusammenarbeit zu sprechen.

Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie du zur Musik gekommen bist, respektive dich vom Gitarristen zum Produzenten entwickelt hast?

Ich habe bereits im Alter von acht Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Am Anfang habe ich noch mit einer Akustikgitarre geübt, aber für mich stand schon damals fest, dass ich unbedingt E-Gitarre spielen möchte. An den Wänden meiner Stiefbrüder hingen Strats und ich erinnere mich, dass ich eines Tages eine davon in die Hand nahm, als gerade ein Led Zeppelin Song lief und damit anfing, mir den Song zu erarbeiten und herauszuhören. Ich wusste sofort, dass das was für mich war. Mit etwa zehn Jahren bekam ich dann meine erste eigene E-Gitarre: eine Gibson Epiphone SG. Die Kopfplatte habe ich sogar bis heute aufbewahrt.

Hast du Musikunterricht genommen?

Ich bin zum größten Teil Autodidakt. Mit meiner Akustikgitarre hatte ich Unterricht bis ich so 15 oder 16 war, um dann schließlich in die Rock School zu wechseln. Dort traf ich viele Freunde, mit denen ich bis heute Kontakt habe und außerdem Leute, die später in meinen mittlerweile ehemaligen Bands Fell Silent und davor Mikaw Barish mitwirkten. Das hat sich im Prinzip alles aus der Rock School entwickelt, die auch andere Bands wie Monuments hervorbrachte. Da war schon einiges an Bewegung in dieser Zeit. Schließlich folgte meine Band TesseracT.

Tesseract. Picture: © Steff Tina

Wann ging es dann bei dir mit dem Aufnehmen los?

Das fing parallel mit meiner ersten Band an. Es war höchstwahrscheinlich ein Vierspurgerät, das ich aus der Schule ausgeliehen hatte – die Möglichkeiten waren also ein bisschen eingeschränkt. Was die Aufnahmesituation betraf hatte ich es ziemlich einfach gehalten, vielleicht ein Mikrofon im Raum und eines in der Nähe des Schlagzeugs. Es war aber eine gute Einführung in die Art und Weise wie man etwas aufnimmt. Nach einiger Zeit entdeckte ich dann Cubasis als Demo auf einer CD. Es wurde meine erste DAW. Ich war schon immer eher der Windows-Typ und habe nie einen Mac besessen. Es fühlte sich für mich einfach immer gut an, eigene Windows-Rechner zusammenzuschrauben und dann einzusetzen.

Du produzierst unter dem Namen 4D Sounds  neben deiner eigenen Band auch noch andere Bands. Was ist deine persönliche Herangehensweise an diese eher schwergewichtige Seite der Musikproduktion?

Die erste ernstzunehmende Produktion, die ich gemacht habe, war eine Coverversion von "Rollin’" von Limp Bizkit. Ich hatte einen Drumloop gebastelt, den ich in Cubasis auf fünf Minuten gestreckt hatte, dazu kam ein Line-Signal aus meinem Amp, damit es sich richtig böse anhörte und darüber spielte ich dann den Track ein. Ab da war alles eine langsam fortschreitende Evolution, bei der ich Stück für Stück herausfand, wie man den Sound von Aufnahmen immer weiter verbessern konnte. Damals gab es ja noch keine Online-Tutorials wie heute, wo du einfach ein paar Dinge via Internet lernen kannst. Das bedeutete also eine Menge Trial-and-Error und Experimentierfreude.

Hast du deine Aufnahmen und Produktionen immer schon lieber selber in die Hand genommen, anstatt damit in ein kommerzielles Studio zu gehen?

Das war bei mir eigentlich immer schon alles DIY. Das Einzige, bei dem wir doch immer dazu tendieren in ein Studio zu gehen, sind Schlagzeug-Aufnahmen – auch wenn wir aus Zeit- und Kostengründen Drums meist zu einem großen Teil programmieren. Für unser erstes Album haben wir die Drums in den Metropolis Studios in London aufgenommen, einiges haben wir auch in den Sphere Studios gemacht. In den Studios haben wir auch viel live gejammt, da das wirklich enorm zeitsparend ist und man so Sachen in einem knappen Tag erledigt bekommt. In der Regel gehen wir letztlich mit allem zurück in mein Studio, um finale Overdubs einzuspielen und den Mix zu machen. So kann ich mich am besten auf alles konzentrieren und habe genug Zeit den Gitarrensound zu optimieren!

Wie kann ich mir deinen Produktionsprozess vorstellen?

Ich schreibe die komplette Musik im Studio. Das heißt, ich programmiere zunächst sämtliche Schlagzeug-Parts und dann proben und jammen wir dazu. Nachdem unser Drummer Jay noch etwas darüber gezaubert hat, nehme ich dann die Gitarren neu auf. Wir nehmen also in der Regel die Drums zunächst zum Demo-Track auf und machen anschließend die finalen Overdubs. Das könnte sich bei dem Album, an dem wir aktuell arbeiten, allerdings noch einmal ändern, da ich mit den Gitarren, die ich bereits aufgenommen habe, schon wirklich sehr zufrieden bin.

Du programmierst deine Drums?

Wir haben bisher eigentlich nur bei unserem ersten Album ausschließlich echte Drums eingesetzt. Auf allen anderen waren sie programmiert, erweitert durch einige Akzente unseres Drummers. Jetzt wo er ein elektronisches Kit besitzt, spielt er die Parts manchmal einfach ein und schickt mir im Anschluss eine MIDI-Datei. Das ist wirklich schön, weil es sich im Ergebnis so mehr wie eine Performance anfühlt.

Von dem, was ich bereits in euren Live-Performance-Videos und jetzt hier im Studio sehen konnte, bekomme ich den Eindruck, dass ihr die digitale Seite der Musikproduktion komplett verinnerlicht und gegen die konventionelle Technik alles einzeln zu miken eingetauscht habt.

Ja, das haben wir! In den Anfangstagen von TesseracT habe ich noch einen Engl Powerball Amp mit Kabinett – den ich sehr mag – und Mesa Boogies genutzt. Auf den ersten Touren in den USA haben wir darüber hinaus komplett auf 5150er von Peavey gesetzt. Auf einmal wurde das mit dem Touren aber immer mehr – Australien, Indien, Russland und manchmal bekamst du Equipment vorgesetzt, das wirklich nicht so richtig toll war. Also begannen wir damit einige Axe-FXs in unser Set einzubauen und den Digitalpfad etwas stärker zu beschreiten. Im Moment setzen wir Kemper Amps ein, aber wir denken auch bereits darüber nach ganz auf Neural DSP Quad Cortex Bodeneinheiten umzusteigen. Da hat man alles in einem Case von ein oder zwei Höheneinheiten. Das ist auf Tour wirklich viel einfacher und du kannst deine Sounds sogar speichern. Es hilft mir auch beim Schreiben, da ich ohnehin ein Sound-Bastler bin und auf diese Weise alles exakt festhalten kann. Außerdem kann man ja auch nicht immer in jeder Situation laute Kabinette miken, in dieser Hinsicht ist das also auch eine gute Lösung.

Was sind deine Lieblings-Tools bei Aufnahme und Produktion?

Toontrack für die Drums beim Komponieren und Cubase als DAW mit Anbindung an ein RME- und Burl-Mothership-Interface, ergänzt um UAD, Fabfilter, Slate Digital und Kazrog als meine Plug-in-Arbeitstiere. Jeder in der Band arbeitet mit Cubase, vor allem weil es damit jetzt so einfach ist sich Sachen hin und her zu schicken. Manchmal tauschen wir Stems aus und ein anderes Mal  – wenn wieder verrückte Tempomaps im Spiel sind – werden es auch mal ganze Projekt-Dateien. Bisher habe ich allerdings noch nicht mit VST Connect gearbeitet, aber es wird langsam Zeit mir das anzuschauen, da unser Drummer ja in den USA lebt. Eine Sache, die ich bei Cubase schon in der Anfangszeit mochte, war die Tatsache, dass es die einzige DAW war, die zusätzlich zum Pianoroll-Editor noch einen eigenen Drum-Editor besaß. So war es für mich noch einfacher Drums zu programmieren. Wir setzen Cubase sogar live für unsere Backing-Tracks ein. Zusätzlich lassen wir auch noch einen MIDI-Track laufen, der direkt an unseren Lichttechniker ausgespielt wird und es ihm so ermöglicht, die Beleuchtung synchron zu triggern. Es ist sogar mit unseren Amps und Effektgeräten verbunden, um Programmwechsel auszulösen. Ohne Pedale auf dem Boden muss man sich eben schon wieder um eine Sache weniger Sorgen machen.

Euer neues Album "Portals" ist eine Kombination aus einer Retrospektive eurer Arbeit ergänzt um eine visuell aufregende Live-Performance. Kannst du mir erzählen, was die Idee dahinter war?

Wir haben uns "Portals" mit dem Wunsch genähert, im Vergleich zu einem normalen Livestream alles in wenig kinematischer und fesselnder zu gestalten. Die Audio-Seite unserer Produktionen haben wir schon immer sehr ernst genommen, aber diesmal fühlte es sich so an, als ob es auch visuell etwas weiter nach vorne gehen durfte. "Portals" besteht im Wesentlichen aus vier Sets, die unsere Diskografie umspannen. Unser Drummer Jay konnte leider COVID-bedingt die Show nicht mitspielen, sodass uns Mike Malyan an den Drums aushalf – er hat die Parts innerhalb von sechs Wochen gelernt!

Die vier Sets liefen direkt aus einem Cubase-Projekt heraus und wir haben alles mit Klick gespielt, wegen der MIDI-Programmwechsel. Ich denke, am Ende hatte ich die ganze Sache in knapp zwei Wochen abgemischt. Wir würden gerne ein paar Gigs mit "Portals" spielen, machen uns aktuell aber noch Gedanken, wie wir die komplexen visuellen Effekte am besten in die Live-Show integrieren können.

Geht es, nun, da es so aussieht, als könnte bald alles wieder normal laufen, bei euch wieder wie gehabt weiter oder haben sich eure Pläne grundlegend geändert?

Wir spielen im November eine Tour mit Bullet For My Valentine. Die Auszeit war für uns eigentlich ganz nützlich. So konnten wir uns ohne Ablenkungen voll und ganz auf das Schreiben konzentrieren. Darüber hinaus hoffen wir, dass wir 2022 auf ein paar Festivals spielen können – inklusive dem ArcTanGent. Wenn das Album erst mal fertig ist, werden wir uns also wieder ganz regulär um unsere anstehende Tour kümmern!

tesseractband.co.uk